pinselfisch - Kunst- & Literaturworkshops für Menschen jeden Alters




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1914
Osteroth, Reinhard | Kleist, Reinhard
2014

20.000 Meilen unter dem Meer
Ita, Sam | Text & Illustration
2010

acht, neun, zehn
Bellstorf, Arne | Text & Illustration
2006

Adagio N°2
Shimizu, Maki | Text & Illustration
2014

Beta
Harder, Jens | Text & Illustration
2014

California Dreamin
Bagieu, Pénélope | Text & Illustration
2016

Comics richtig lesen
McCloud, Scott | Text & Illustration
2001

Das Erbe
Modan, Rutu | Text & Illustration
2013

Das große Durcheinander
Leavitt, Sarah | Text & Illustration
2013

Das Urteil
Stetter, Moritz | Text & Illustration
2015

Der 35.Mai als Comic
Kästner, Erich | Kreitz, Isabel
2006

Der arabische Frühling
Filiu, Jean-Pierre | Pomes, Cyrille
2013

Der Bildhauer
McCloud, Scott | Text & Illustration
2015

Der Boxer
Kleist, Reinhard | Text & Illustration
2012
DJLP 2013

Der geheime Garten von Nakano Broadway
Kusumi, Masayuki | Taniguchi, Jiro
2012

Der Sturm
Maurer, Leopold / Shakespeare, William
2016

Der Traum von Olympia
Kleist, Reinhard | Text & Illustration
2015
Nominierung DJLP 2016

Der Treck
Lapiere, Denis | Torrents, Eduard
2016

Die anderen Mendelssohns: Karl Mendelssohn Bartholdy
Steiner, Elke Renate | Text & Illustration
2015

Die Ignoranten - wenn Wein und Comic sich begegnen
Davodeau, Étienne | Text & Illustration
2013

Die Kunst der Anpassung
Motin, Margaux | Text & Illustration
2014

Die Rückkehrer
Maël / Morel, Olivier | Maël
2014

Die Sicht der Dinge
Taniguchi, Jiro | Text & Illustration
2008

Die Verwandlung
Horne, Richard | Corbeyran, Horne
2010

Don Quijote
Flix | Text & Illustration
2012

Don Quixote
De Cervantes, Miguel/ Davis, Rob | Davis, Rob
2015

Drei Schatten
Pedrosa, Cyril | Text & Illustration
2016

Ein Sommer am See
Tamaki, Mariko | Tamaki, Jillian
2015
Nominierung DJLP 2016

Eine erlesene Leiche
Bagieu, Pénélope | Text & Illustration
2013

Einstein
Maier, Corinne | Simon, Anne
2015

Emil und die Detektive
Kästner, Erich | Kreitz, Isabel
2012

Ethel & Ernest
Briggs, Raymond | Text & Illustration
2015

Existenzen
Tatsumi, Yoshihiro | Text & Illustration
2011

Fahrradmod
Dahmen, Tobi | Text & Illustration
2015

Faust : Der Tragödie erster Teil
Flix | Text & Illustration
2010

Ferdinand, der Reporterhund 1 & 2
Ruthe, Ralph | Flix
2013

Fun home
Bechdel, Alison | Text & Illustration
2008

Ganz allein
Chabouté, Christophe | Text & Illustration
2011

Handschuh-Kid
Hunt, Julie/ Newman, Dale | Text & Illustration
2016

Havanna
Kleist, Reinhard | Text & Illustration
2008

Hier kommt Oma
Boonen, Stefan | Melvin
2016

Humboldts letzte Reise
Le Roux, Etienne | Froissard, Vincent
2015

Ich bin Fagin
Eisner, Will | Text & Illustration
2015

Ich wär so gerne Ethnologin
Motin, Margaux | Text & Illustration
2012

Im Eisland Band 1
Gehrmann, Kristina | Text & Illustration
2015
Deutscher Jugendliteraturpreis 2016

Im Schatten des Krieges
Glidden, Sarah | Text & Illustration
2016

Junker
Spruyt, Simon | Text & Illustration
2016

Kiste - Kein Unsinn
Wirbeleit, Patrick | Heidschötter, Uwe
2015

Kopf in den Wolken
Roca, Paco | Text & Illustration
2013

Kriegszeiten
Schraven, David | Burmeister, Vincent
2012
Nominiert für den DJLP 2013

Leben
Kriebaum, Thomas | Text & Illustration
2010

Lebensbilder
Eisner, Will | Text & Illustration
2011

Lehmriese lebt!
Kuhl, Anke | Text & Illustration
2015

Liebe schaut weg
Hoven, Line | Text & Illustration
2008

Luft und Liebe
Hubert & Caillou, Marie | Text & Illustration
2012

Maus I & II
Spiegelmann, Art | Text & Illustration
2011

Mister O
Trondheim, Lewis | Text & Illustration
2003

Nenn mich Kai
Barczyk, Sarah | Text & Illustration
2016

Palatschinken
Sansone, Caterina | Tota, Alessandro
2015

Paris
Vande Wiele, Maarten | Text & Illustration
2012

Penner
Burgholz, Christopher | Text & Illustration
2014

Persepolis
Satrapi, Marjane | Text & Illustration
2011

Plötzlich Funkstille
Courtault, Benjamin | Text & Illustration
2016

Polina
Vivès, Bastien | Text & Illustration
2011

Pünktchen und Anton als Comic
Kästner, Erich | Kreitz, Isabel
2009

Richtung
Mathieu, Marc-Antoine | Text & Illustration
2015

Sally Jones
Wegelius, Jakob
2009

Sally Jones
Wegelius, Jakob
2016
Nominierung DJLP 2017

Shenzhen
Delisle, Guy | Text & Illustration
2011

Sprechende Hände
Lambert, Joseph
2015

Stadt aus Glas
Auster, Paul & Karasik, Paul | Mazzucchelli, David
1997

Stiche
Small, David | Text & Illustration
2012

Such Dir was aus, aber beeil dich
Budde, Nadia | Text & Illustration
2010
DJLP 2010

The Graphic Canon
Kick, Russ (Hrsg.)
2013

Thelonius große Reise
Schade, Susan | Buller, Jon
2012

Vasmers Bruder
Meter, Peer | von Bassewitz, David
2014

War and dreams
Charles, Maryse | Charles, Jean-Françoise
2010

Wave and smile
Jysch, Arne | Text & Illustration
2012

Wie ein leeres Blatt
Boulet | Bagieu, Pénélope
2013
Nominierung DJLP 2014

Wilhelm Busch und die Folgen
u.a. von König, Ralf | Text & Illustration
2007

Wir können ja Freunde bleiben
Mawil (Markus Witzel) | Text & Illustration
2005

Zahra's Paradise
Amir | Khalil
2011


Weitere Titel und Rezensionen folgen!

1914
Ein Maler zieht in den Krieg

Osteroth, Reinhard | Kleist, Reinhard
96 Seiten, Aladin

Cover

Geschichtsunterricht der erfolgreichen Art: dieses gründlich recherchierte Buch von Reinhard Osterroth über den Maler Franz Marc und den Beginn des ersten Weltkriegs veranschaulicht das Zeitgeschehen vor 100 Jahren. Hier wird nachvollziehbar, aus welchen Beweggründen eine aktive Kriegsteilnahme für Marc und viele andere Menschen damals so nahe liegend war. Und wie für so viele andere endete er auch für Marc tödlich... Reinhard Kleists Illustrationen machen das Buch zu einer trotz Allem unterhaltsamen und kurzweiligen Lektüre. Daher habe ich dieses Buch der Kategorie Jugendbuch zugeordnet und wünsche ihm viele jugendliche oder auch erwachsene Leser.

- JPS

20.000 Meilen unter dem Meer
Ein Pop-up-Buch

Ita, Sam | Ita, Sam
14 Seiten, Knesebeck

Cover

Dieses Buch ist schwer einzuordnen, wir haben es trotzdem unter Graphic Novels plaziert. Sam Ita legt mit diesem großartigen Pop-Up-Buch die Idee nahe, neue Zugänge zu alten Klassikern zu schaffen. Mit der Mischtechnik aus Pop-Up und Graphic Novel verbindet es gleich zwei Techniken, die den voraussichtlich überwiegend männlichen Lesern ab ca. 8 Jahren sicherlich großes Vergnügen bereiten. Mittels raffiniert gebauter Pop-Up-Elemente entsteht die Unterwasserwelt oder Szenen an Bord der Nautilus in be-greifbarer 3-Dimensionalität, die Story lässt sich mittels ihres Comic-Erzählstil leicht verfolgen. Gerade deshalb wird sicherlich das Bedürfnis nach einer Textversion (oder nach dem Film zum Buch) bei den Lesern geweckt. Aber auch die Umsetzung von einfachen, kleinen Pop-Up–Bastelideen lässt sich sicher mit solch einer Vorlage animieren, dankenswerter Weise hat der Knesebeck Verlag auch dafür vorgesorgt: Pop-Up. Das Bastelbuch. (Rezension erfolgt später)

- JPS

acht, neun, zehn
Bellstorf, Arne | Bellstorf, Arne
96 Seiten, Reprodukt

Cover

Auch bei Arne Bellstorf ist die vorliegende Geschichte seine Abschlussarbeit. Und auch hier geht es um das Erwachsenwerden und um eine erste Liebe. Außerdem wird die Beziehung zur allein erziehenden Mutter thematisiert und verdichtet die Geschichte zu einem vielschichtigen Gesellschaftsportrait: Vorort oder Kleinstadt, Schule oder Arbeit, Alltag mit Langeweile - bis die Liebe auftaucht. Toll, wie hier die Protagonisten auf Schönheit und flotte Sprüche verzichten können und wie dennoch viel Zwischenmenschliches fühlbar wird und wieder verweht...Mehr davon!

- JPS

Adagio N°2
Im dunkelsten Winter aller Zeiten

Shimizu, Maki | Shimizu, Maki
112 Seiten, Jaja Verlag

Cover

„Im dunkelsten Winter aller Zeiten“ von der Illustratorin und Autorin Maki Shimizu stellt den zweiten Band rund um Kater Adagio und Maki-Maus dar (Adagio N°1 – Alltag in Berlin, 2011). Die Graphic Novel umfasst 80 Tagen im Leben der beiden Berliner Protagonisten, ab Tag 33 verstärkt durch Thomas, die Schildkröte.

Die kurzen Szenen thematisieren Alltägliches wie Schnupfen, Verdauungsstörungen und Sauna-Besuche genauso wie Wortspiele, die sich aus japanisch-deutschen Missverständnissen ergeben, Hinweise auf den beruflichen Alltag der Autorin sowie – in den wirklich interessanten Abschnitten – eine Aufarbeitung der Reaktor-Katastrophe von Fukushima in Traumsequenzen von Maki-Maus.

Die in schnellen Tuschestrichen gestalteten Zeichnungen sind im Zusammenhang mit diesem Thema sehr eindrücklich, jedoch stellenweise schwer lesbar, ebenso wie die manchmal zu kleine Schrift.

- MD

Beta
...civilisations Volume 1

Harder, Jens | Harder, Jens
352 Seiten, Carlsen

Cover

Jens Harder hat einen neuen Band seiner Evolutionsgeschichte vorgelegt. BETA ist der 2. Teil der Alpha/Beta/Gamma Trilogie und ein monumentales Bildwerk zur Entstehung des Lebens auf der Erde. Diesmal geht es um die Welt vor 65 Millionen Jahren (Tertiär) bis zur Geburt von Jesus Christus, also der Stunde 0 unserer Zeitrechnung. Dieses hervorragend recherchierte und aufwändig gezeichnete Epos  besticht durch die Vielschichtigkeit seiner Bildebenen. Immer wieder werden Querverweise auf neuzeitliche und kulturelle Inhalte inszeniert, sei es aus Film, Malerei oder Popkultur. Dies steigert den Lesegenuss enorm und fordert den Leser heraus: wer ist das noch mal auf dem Bild? Wo habe ich diese Szene schon mal gesehen? Die mit Metalldruck kolorierten Kapitel wechseln zwischen Gold, Silber und Bronze ab. Allerhöchste opulente Comiczeichenkunst, herausragend präsentiert in einer Graphic-Novel-Hardcover-Super-Duper-Großformat-Superlative. Yeah!

- JPS

California Dreamin
Cass Elliot und The Mamas & the Papas

Bagieu, Pénélope | Bagieu, Pénélope
268 Seiten, Carlsen

Cover

Diese Graphic Novel zeichnet die Lebensgeschichte von Cass Elliot, geboren als Ellen Naomi Cohen, einer der 2 Sängerin der „Mamas & Papas“ nach. Pénélope Bagieu gelingt es in lockeren Bleistift- Zeichnungen, die Zielstrebigkeit von Cass seit ihrer frühesten Kindheit in Szene zu setzen. Schon früh von den Eltern zum Essen aufgefordert, ist die Geburt ihrer jüngeren Schwester Leah der Zeitpunkt, an dem für Cass das Essen zu einer Ersatzhandlung wird. Dennoch ist für Cass schon zu diesem Zeitpunkt klar: wenn sogar Florence Foster Jenkins es geschafft hat, dann wird sie es erst recht schaffen, eine berühmte Sängerin zu werden, denn sie hat immerhin eine tolle Stimme. Später, auf der Highschool sucht sie sich eine Gesangslehrerin, die ihr außergewöhnliches Gesangs- und Bühnentalent fördert. So geht sie mit 19 Jahren von der Schule ab und nach New York. Und nennt sich von jetzt an Cass Eliot. Leicht zu lesen, gut recherchiert und aber mit vielen tiefgründigen Zusammenhängen ergänzt, trifft diese Biographie genau den Zeitgeist und die Musik der frühen 60er und 70er Jahre. Cass wird als die Persönlichkeit vorgestellt, die sie nach Bagieus Einschätzung war: sehr zielstrebig, sehr begabt und sehr einsam...

-

Comics richtig lesen
Die unsichtbare Kunst

McCloud, Scott | McCloud, Scott
224 Seiten, Carlsen

Cover

Bisher noch nicht von mir rezensiert, aber schon seit seinem Erscheinen fester Bestandteil meiner Comic-Bibliothek, ist dieses Standardwerk der Comic-Theorie und Praxis von Scott McCloud. Ein gezeichnetes Meisterwerk zum Thema Comic, sowohl Kommunikationswissenschaftlich als auch zeichnerisch oder erzählerisch. McCloud gelingt es, komplizierte Zusammenhänge einfach und anschaulich umzusetzen, ohne dabei zu sehr zu vereinfachen. Immerhin handelt es sich beim Comic um das komplexe Zusammenwirken von Bild, Wort und Geschichte. So erfährt der interessierte Leser eine Menge über die Wahrnehmung und wie sie funktioniert, Abstraktion und Zeichen sind ein Thema und natürlich die Darstellung von Zeitabläufen im Comic. Verschiedene Zeichenstile finden genau so Erwähnung wie die Wirkung und Anwendung von Farbe; McCloud analysiert auf unterhaltsame Weise dieses Medium so gründlich wie humor- und anspruchsvoll. Ein unbedingtes Muss für alle Freunde des Comics oder des Zeichnens oder des Erzählens....

- JPS

Das Erbe
übersetzt aus dem Hebräischen von Gundula Schiffer

Modan, Rutu | Modan, Rutu
240 Seiten, Carlsen

Cover

Dieses beeindruckende Buch von Rutu Modan erzählt die Geschichte einer einwöchigen Reise von Israel nach Warschau. Nach dem Tod ihres Sohnes reist die alte Dame zusammen mit ihrer Enkelin in das Land, aus dem sie damals vor den Nazis geflohen ist. Vordergründig geht es um ein Haus, welches nun mittels einer Urkunde zurück in den Familienbesitz gebracht werden soll. Tatsächlich aber geht es um eine alte Liebesgeschichte, um Erinnerungen und wie sie verarbeitet werden und um die Beziehung zwischen Großmutter und Enkelin. Mit genauen Beobachtungen und feiner Ironie gelingt es der Künstlerin, polnische und israelische Vorurteile und Sehgewohnheiten neben einander zu stellen, ohne sie zu bewerten. Die fantastischen Zeichnungen im Stil der Ligne Claire geben der Geschichte die nötige Gelassenheit und Ruhe, wenn sie zu Ende ist, möchte man sie gleich noch mal von vorne anschauen! Toll!

- JPS

Das große Durcheinander
Alzheimer, meine Mutter und ich

Leavitt, Sarah | Leavitt, Sarah
128 Seiten, Beltz & Gelberg

Cover

Bei Joseph Beuys wird aus einem profanen Stück Butter Kunst. Bei Sarah Leavitt ist es die Auseinandersetzung mit der Krankheit Alzheimer. Leavitt hat in der Graphic Novel "Das große Durcheinander" das Leben ihrer an Alzheimer erkrankten Mutter Miriam dokumentiert und ihr damit ein sprachliches und bildnerisches Denkmal gesetzt.

In den sechs Jahren nach der Diagnose bis zum Tod der Mutter 2005 hält Sarah in Notizen und Skizzen den schleichenden Prozess der Erkrankung fest. Die Autorin und gleichzeitig Ich-Erzählerin der Geschichte setzt sich dabei über die reine Betrachtung der Lebensumstände Miriams und ihrer Familie hinweg. Aufschluss gibt hier der englische Titel der Orginalfassung, "Tangles". "Tangles" heißt laut Pons so viel wie: 1. Durcheinander, Wirrwarr, Unordnung, 2. Auseinandersetzung, Streit,

und 3. wirres Haar- oder Wollknäuel.

Sarah kämmt ihrer kranken Mutter die Haare, ja, sie sammelt die verfilzten Büschel und legt sie, nach Datum geordnet, in Kästchen über ihr Bett. Das beruhigt sie und bringt ihr, solange sie während der Leidenszeit im entfernten Vancover weilt, Miriam nahe. Verfilztes Haar - für Sarah Leavitt ist das wie die Butter für Beuys.

Verstörende Szenen wie die Konfrontation mit dem Thema Tod gibt die Autorin in klaren, kurzen Sätzen wieder. Die prägnante Sprache findet ihre Entsprechung im Visuellen: schwarzweiße Handzeichnungen mit feinem Strich. Eine dünne Linie trennt die einzelnen Bildsequenzen und -streifen, was die Seiten jeweils als Gesamtkomposition erscheinen lässt.

Miriams Krankheit stellt das Leben aller auf den Kopf! In situationskomischen Momenten verflüchtigen sich Ernsthaftigkeit und Beklemmung. "Mama, wie geht es dir? Oh, ich glaube, es geht mir ziemlich traurig.": Poetische Schönheit liegt in den unbeabsichtigten Versprechern Miriams.

Im Titel "Das große Durcheinander" spiegelt sich leider nicht das ganze Spektrum an Interpretationen wider, die das Original "Tangles" verspricht. Und auch bei der Suche im Verlagsprogramm von Beltz ist Leavitts Graphic Novel lediglich unter der Rubrik "Sachbuch/Ratgeber" zu finden. Dabei ist es doch ein Buch, das Menschen, egal ob jung oder alt und ob mit oder ohne Alzheimer-Bezug, bis ins Mark trifft.

- KP

Das Urteil
nach Franz Kafka

Stetter, Moritz | Stetter, Moritz
47 Seiten, Knesebeck

Cover

Franz Kafka schrieb „Das Urteil“ im September 1912 in einer einzigen Nacht, und so kurzatmig ist die Novelle auch: Der junge Kaufmann Georg Bendemann möchte einem alten Jugendfreund, der in Russland weilt, von seiner bevorstehenden Hochzeit schreiben. Um Rat zu holen, ob dies auch richtig sei, geht er zu seinem alternden, zurückgezogen lebenden Vater. In ihrer Begegnung geraten sie in einen Strudel aus Anschuldigungen und Beleidigungen – der Albtraum Vater-Sohn-Konflikt schlechthin. Der Streit mündet in den Freitod des Sohnes durch Ertrinken, zu dem sein Vater ihn getrieben und verurteilt hat.
Susan Sontag soll gesagt haben, man habe Kafkas Novelle so gut wie totinterpretiert. Moritz Stetter gelingt mit seiner gleichnamigen Comic-Version genau das Gegenteil davon. Seine Zeichnungen zu dem Originaltext von Kafka sind expressiv, kontraststark und provokant und bieten in ihrer künstlerischen Autonomie Deutungsfreiraum über das Geschriebene hinaus. Gerade das unterscheidet Stetters Interpretation von vielen anderen. So gibt sein scharfer Strich die beklemmende Stimmung Kafkas Erzählung sehr gut wieder. Besonders das Titelmotiv ist bezeichnend: Dem Übervater gibt der Illustrator den Schatten eines riesigen Baumes. Dem Sohn, mit dem Rücken zum Betrachter gekehrt, heftet er den Schatten eines armseligen, dünnen Pflänzleins an.
Kafka im Deutschunterricht – mit Moritz Stetters Comic gelingt es sicherlich, auch in der so genannten Pflichtlektüre bei Schülern die Lust am Lesen und die Neugierde auf die erzählerische und interpretatorische Tiefe der Novelle zu wecken.

- KP

Der 35.Mai als Comic
Kästner, Erich | Kreitz, Isabel
100 Seiten, Dressler

Cover

 - siehe "Pünktchen und Anton" als Comic -

- JPS

Der arabische Frühling
Filiu, Jean-Pierre | Pomes, Cyrille
112 Seiten, Carlsen

Cover

Die Gesichter der Revolution

In 16 Kapiteln erzählt die vorliegende Graphic Novel die Geschichte des „Arabischen Frühlings“, einer Revolutionsbewegung, die 2010 zunächst in Tunesien begann und sich in weiterer Folge auf den gesamten nordafrikanischen Raum sowie zahlreiche Länder des Nahen Ostens ausbreitete. Dabei bieten die Autoren einleitend allgemeine Informationen zur Ausgangslage in dem jeweiligen Land und konzentrieren sich dann auf Einzelpersonen, die durch ihre Taten entscheidend zur Ausbreitung der Proteste beigetragen haben. Abgerundet wird die Publikation durch einen kurzen Essay von Dr. Muriel Asseburg, leitende wissenschaftliche Mitarbeiterin am Deutschen Institut für Internationale Politik und Sicherheit in Berlin, sowie weiterführende Literaturangaben und einen Personenindex, der jedoch durch die fehlende Paginierung der Graphic Novel schwer verwendet werden kann.

Die weitgehend realistischen, oft skizzenhaften Zeichnungen beeindrucken durch ihre Expressivität und die schonungslose Darstellung der im Rahmen der beschriebenen Protestbewegung begangenen Gräueltaten auf beiden Seiten. Hervorzuheben ist auch die Art und Weise, wie durch die unterschiedliche Farbgebung die Opfer besonders in den Vordergrund gestellt werden. Inhaltlich bemüht sich der Band um eine möglichst objektive Darstellung der Vorgänge, wobei klischeehafte Zuschreibungen von Körpermerkmalen nicht ausbleiben, welche die Guten von den Bösen trennen.

„Der Arabische Frühling“ ist eine informative und prägnante Quelle, um die Ursachen und die Vorgänge dieser Revolutionsbewegung besser zu verstehen; die Absicht, den Leser zu verstören, ist jedoch auf jeder Seite spürbar.

Inzwischen wurde diese Graphic Novel von der Geschichte überholt: am Ende der Lektüre würde man sich einen zweiten Band wünschen, der die mannigfaltigen Entwicklungen, die seit 2013 in den behandelten Ländern eingetreten sind, abdeckt.

Ein verstörendes, aber wichtiges Werk.

- MD

Der Bildhauer
übersetzt von Jan Frederik Bandel

McCloud, Scott | McCloud, Scott
496 Seiten, Carlsen

Cover

David Smith ist ein begabter, junger Bildhauer. Nach einer frühen und kurzen Karriere als „Nachwuchstalent“ hat er jedoch nie mehr einen größeren Verkaufserfolg gehabt. Sein Freund Ollie, ein kleiner Galerist aus Manhatten, bemüht sich um interessierte Käufer und Galeristen, um David irgendwie in der Kunstszene präsent zu halten. Aber David verzweifelt zunehmend an der Kunst als Konsumgut...Nachdem er das Mädchen Meg getroffen hat, begegnet ihm in einer Kneipe beim x-ten Bier in Gestalt seines verstorbenen Onkels Harry ein faustischer Unterhändler. Harry bietet ihm an, die Gabe zu erhalten, mit bloßen Händen jedes denkbare Material formen zu können. Als Gegenleistung soll Davids Leben nach 200 Tagen enden. David, durchaus lebensmüde aber auch gierig nach Erfolg, lässt sich ohne Zögern auf den Handel ein. Aber dann taucht Meg wieder auf und David verliebt sich. Und auch der Erfolg kommt nicht von ganz alleine...Scott McClouds Geschichte von einem teuflischen Deal um Erfolg und Anerkennung ist mit vielen Versatzstücken der großen Mephisto-Vorlage angereichert. Dennoch wird hier ein eigener Plot erzählt, mit den Hauptdarstellern „Kunstmarkt“ und „Erfolg“, agierend im Spannungsfeld zwischen Liebe, Anerkennung, Selbstzweifeln und künstlerischem Schaffensdrang. McClouds klarer Strich schafft eine enorme Tiefe, Bildaufbau und verhaltene Farbigkeit in Schwarz und Grautönen sowie die spannungsreich konzipierten Panels schaffen es trotz der Länge, den Leser zu fesseln. Das Cover hätte ich mir weniger „bunt“ und „kitschig“ gewünscht, ansonsten eine absolut gelungene und vielschichtige Geschichte! Jps

 

- JPS

Der Boxer
Die wahre Geschichte des Hertzko Haft

Kleist, Reinhard | Kleist, Reinhard
176 Seiten, Carlsen

Cover

Die vorliegende Graphic Novel entstand nach dem Buch: „Eines Tages werde ich alles erzählen“ von Alan S. Haft, dem Sohn Hertzkos. Kleist hat die Lebensgeschichte Hafts in eine Graphic Novel umgewandelt und sie damit dankenswerterweise einem neuen Publikum zugänglich gemacht. Der Künstler beginnt seine schwarzweiß gezeichnete Geschichte mit einer Rückblende: wir lernen den polnischen Juden Hertzko Haft im Jahr 1963 nach dem Überleben des Holocaust in America kennen, wo er als jähzorniger Patriarch zusammen mit seinem Sohn in Miami unterwegs ist. Eben noch autoritär bricht er im nächsten Moment in Tränen aus und dankt seinem Sohn, dass er mitgekommen ist. Mit dem Zitat des Buchtitels: „Eines Tages werde ich alles erzählen“ beginnt die Rückblende in Hertzkos Jugend. Er wurde im Alter von 14 Jahren von den Nazis anstelle seines älteren Bruders ins Lager geschleppt. Dort versuchte er mit allen Tricks irgendwie zu überleben, ein SS-Mann bildete ihn zum Boxer aus, damit er zur Unterhaltung der Nazis Schaukämpfe durchführen konnte. Immer wieder musste Hertzko unter schlimmsten Bedingungen arbeiten, bis er am Ende von einem Todesmarsch flieht und zufällig überlebt. Tagelang irrt er in einer gestohlenen Nazi-Uniform durch den Wald, wird selber mehrfach zum Mörder und wird am Schluss von den Amerikanern nach München gebracht. Eine wirklich packende und berührende Geschichte, eindrucksvoll mit dem Tuschepinsel illustriert und auch damit eine Reminiszenz an „Maus“ von Art Spiegelman

- JPS

Der geheime Garten von Nakano Broadway
übersetzt von Sachiko und Achim Stegmüller

Kusumi, Masayuki | Taniguchi, Jiro
104 Seiten, Carlsen

Cover

Die Idee des ungezielten Herumlaufens als Methode, eine Stadt zu erkunden, scheint sowohl Kusumi als auch Taniguchi zu inspirieren. Als ungewöhnlichen Städteführer durch Tokyo präsentiert dieses schmale Büchlein eine Auswahl kurzer Geschichten des Autors Masayuki Kusumi, die in jeweils verschiedenen Bezirken Tokyos spielen. Kleine Stimmungsbilder, von Taniguchi meisterhaft ins Bild gesetzt, nehmen den Betrachter und Leser mit in eine fremde Welt, die vertraut wirkt und doch sehr exotisch ist. Das Tempo des entspannten Spazierens gibt die Lesegeschwindigkeit vor, nimmt den ortunkundigen Betrachter mit in die verwinkelten Ecken und vergessenen Sträßchen des alten Tokyo. Die Zeichnungen Taniguchis, zum Teil mit verdünnter Tusche, zum Teil auf Rasterfolien gezeichnet, wirken fast fotorealistisch. Wie zauberhaft und gekonnt auch Taniguchis Aquarelle sind sieht man am Einband. Ein Lese- und Betrachtungsgenuß allererster Güte.

- JPS

Der Sturm
Maurer, Leopold / Shakespeare, William
160 Seiten, °luftschacht

Cover

„Der Sturm“ von Leopold Maurer unternimmt Unerhörtes: diese Graphic Novel stellt die Antwort auf die Frage dar, wie ein Titan der Literatur neu für heutige Jugendliche übersetzt werden kann. Laut der Jurybegründung des Österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreises 2017 (Kollektion) hat sie damit einen durchschlagenden Erfolg gefeiert: „Dieserart lässt sich für Jugendliche ein neuer, ungewöhnlicher Zugang zu klassischen Erzähltraditionen finden“.

Die Grundzüge der Vorlage Shakespeares werden dabei nicht angetastet: Prospero, der rechtmäßige Herzog von Mailand, ist mit seiner Tochter Miranda nach dem Verrat seines Bruders Antonio und dessen Verbündeten Alonso, des Königs von Neapel, auf eine einsame Insel geflüchtet, wo ihm der Luftgeist Ariel und sein Sklave Caliban für seine Rachepläne zur Verfügung stehen. Durch einen von Prospero heraufbeschworenen Sturm stranden seine Feinde gemeinsam mit Alonsos Sohn Ferdinand und dessen Bruder Sebastian sowie einigen Bediensteten auf der Insel, wo sie von Prospero erwartet werden. Es entspinnt sich eine komplexe Handlung aus Rache, Verrat, Liebe, Freiheit und Macht.

Der originale Text steht dabei in einem interessanten Kontrast mit der Multimediawelt, die der Prospero Leopold Maurers gemeinsam mit Ariel auf der Insel aufgebaut hat. Gerade dieser Aspekt hat die Jury dazu bewogen, die Graphic Novel als für Jugendliche leicht konsumier- und verstehbar einzustufen. Dabei bedient sich der Künstler eines weitgehend reduzierten Stils, er verzichtet größtenteils auf die Ausgestaltung der Hintergründe und konzentriert sich vollständig auf die Mimik seiner Personen.

Eine interessante Klassiker-Adaption, die man gelesen haben sollte.

- MD

Der Traum von Olympia
DIe Geschichte von Samia Yusuf Omar

Kleist, Reinhard | Kleist, Reinhard
152 Seiten, Carlsen

Cover

Samia lebt mit ihrer Familie in Mogadishu, Somalia. Als Vertreterin ihres Heimatlandes war sie bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking als Sprinterin dabei. Schon lange träumt Samia davon, Profisportlerin zu werden und trainiert hart. Doch die islamischen Extremisten, die in Somalia an der Macht sind,  lehnen es ab, dass Frauen Sport treiben. Sie wird bedroht, sportliche Entwicklungsmöglichkeiten sind quasi nicht vorhanden. So beschließt Samia eines Tages, zu versuchen, nach Europa zu kommen, um 2012 in London an den Olympischen Spielen teil zu nehmen. In Äthiopien, wo eine Tante von ihr lebt, versucht sie mit dieser gemeinsam, auf ein Boot nach Italien zu kommen. Eine unglaublich beschwerliche, langwierige Reise beginnt, geprägt von Ausbeutung, Menschenverachtung und Entbehrungen. Während fast der gesamten Zeit ihrer Flucht hält Samia über Facebook Kontakt mit ihren Freunden, Reinhard Kleist versucht auch die Facebooknachrichten zu rekonstruieren, wie überhaupt die Geschichte von Samias Flucht. Wie für so viele andere Menschen aus Afrika endet sie auch für Samia tödlich. Reinhard Kleist ist es erneut gelungen, dieses absolut aktuelle und beklemmende Thema auf eindrucksvollste Art zu bearbeiten. Die in schwarz-weiß und Grautönen pinselstrich-leicht gezeichnete Geschichte übt einen immensen Sog aus und lässt einen das Buch nicht aus der Hand legen. Für alle Menschen mit Empathie, besonders aber für jugendliche Leser eine absolute Bereicherung !!!

- JPS

Der Treck
Lapiere, Denis | Torrents, Eduard
126 Seiten, Jacoby & Stuart

Cover

Die Geschichte verfolgt zwei Erzählstränge: in der Jetztzeit, im Jahr 1975, bekommt die in Paris lebende Angelita einen Anruf, dass ihre Mutter in Barcelona nach einem Herzanfall im Krankenhaus liegt. Das ist an sich schon merkwürdig, denn Angelita vermutete ihre Mutter in Frankreich, außerdem hatten sich Mutter und Tochter geschworen, zu Francos Lebzeiten keinen Fuß mehr nach Spanien zu setzen. Der zweite Erzählstrang behandelt in Rückblenden die Umstände und Ereignisse der Flucht Angelitas mit ihren Eltern nach dem spanischen Bürgerkrieg in einem Treck über die Pyrenäen nach Frankreich. Dort wurden die Flüchtlinge in Internierungslagern nach Männern und Frauen getrennt, der Vater wurde zusammen mit knapp 1000 weiteren Spaniern von den Nazis ins KZ Mauthausen verschleppt ist kam dort angeblich ums Leben. Der fehlende Vater ist ein großes Thema in Angelitas Leben, dennoch kann sie zu ihrem Stiefvater ein freundliches Verhältnis haben. Durch den gemeinsamen Besuch im Krankenhaus kommen die beiden erneut ins Gespräch. Es stehen viele Fragen im Raum, als plötzlich der totgeglaubte Vater vor Angelita steht. Seine Sicht der Ereignisse beleuchtet nun die ganze Geschichte neu und löst bei Angelita verständlicherweise große Gefühle aus. Am Einzelschicksal dieser spanischen Familie wird exemplarisch die große Tragödie des faschistischen Franco-Regimes und dessen Folgen nachgezeichnet, das leider immer wieder aktuelle Thema Flucht in diesem Fall innerhalb Europas nachvollziehbar gemacht. Herausragend illustriert kann diese Graphic Novel verdeutlichen, wie kurz oder lang 40 Jahre sein können...

- JPS

Die anderen Mendelssohns: Karl Mendelssohn Bartholdy
Steiner, Elke Renate | Steiner, Elke Renate
132 Seiten, Reprodukt

Cover

Die schwarzen Schafe

Renate Elke Steiner widmet sich in ihrer auf fünf Bände ausgerichteten Graphic-Novel-Reihe „Die anderen Mendelssohns“ eher unbekannten Mitgliedern dieser Dynastie. Band zwei stellt dabei Karl Mendelssohn Bartholdy ins Zentrum, Sohn des berühmten Komponisten Felix. Erzählt wird allerdings aus der Perspektive von Karls Bruder Paul.

Dieser berichtet während der Reise von Görlitz nach Berlin in Anwesenheit seines katatonischen Bruders dem Pfleger Thiel in Rückblicken von ihrer Lebensgeschichte. Ihre Kindheit ist geprägt von der Berühmtheit ihres Vaters, die zu mehrmaligen Umzügen und Beziehungsabbrüchen führt. Nach dessen Tod vom Onkel zum Studium der Rechtswissenschaften gezwungen, aber in seinem Herzen Historiker, zerbricht Karl letztlich sowohl an den hohen Erwartungen seiner Umgebung als auch an zahlreichen Schicksalsschlägen politischer und familiärer Natur.

Die in Schwarz-Weiß gehaltenen, reduzierten Zeichnungen ziehen den Leser dabei mit seltener Unmittelbarkeit in die Lebensgeschichte des Protagonisten mit hinein. Die gesamte Graphic Novel hindurch wechselt die Erzählung zwischen Gegenwart und Vergangenheit hin und her, angedeutet durch einen leichten Wechsel der Farbgebung. So entsteht die Beschreibung der Lebensgeschichte eines widersprüchlichen Individualisten und Demokraten, dessen Geschichte zu Unrecht in Vergessenheit geraten ist.

- MD

Die Ignoranten - wenn Wein und Comic sich begegnen
übersetzt von Krämling, Tanja

Davodeau, Étienne | Davodeau, Étienne
272 Seiten, Egmont Graphic Novel

Cover

Das Gefühl, sich in einer Angelegenheit überhaupt nicht auszukennen, kennt wohl jeder. So geht es auch dem Comic-Zeichner Étienne Davodeau und dem Winzer Richard Leroy. In einem spannenden Experiment lassen sie sich vom jeweils anderen in dessen Welt einführen, eine „wechselseitige Initation“ (Egmont-Verlag) beginnt, in deren Verlauf Davodeau lernt, wie man Reben beschneidet, nach biodynamischen Prinzipien düngt, geeignete Fässer auswählt, eine schwefelfreie Gärung überwacht sowie die Qualität von Weinen beurteilt. Leroy wiederum wird mit dem Comic-Universum konfrontiert, mit den Schwierigkeiten bei der Farbauswahl vor dem Drucken, mit Verlagsbesprechungen, Comic-Festivals und mit der Suche nach geeigneten Stoffen für Comic-Romane.

Obwohl Davodeau in seiner in Schwarz-Weiß gehaltenen Graphic Novel das Who is who der französischen Comic-Szene aufbietet, die von den beiden interviewt wird, liegt der Schwerpunkt seiner Auseinandersetzung umfangmäßig beim Winzern; die Mühen des stundenlangen Comic-Zeichnens beispielsweise kommen in den „Ignoranten“ sehr wenig zur Sprache, wohingegen der wochenlangen Bearbeitung von Weinstock, Rebe und Boden breiter Raum gewidmet wird.

Bemerkenswert ist die Erkenntnis des Buches, dass sich die vordergründig so differenten Welten doch auf einen Nenner bringen lassen: „Die Verkostung eines Buches ist vielleicht einsamer als die eines Weines. Aber beide haben gemein, dass sich ihr Geschmack im Gespräch verfeinert.“

Eine interessante Graphic Novel an der Grenze zum Sachbuch über zwei gar nicht so unterschiedliche Professionen.

- MD

Die Kunst der Anpassung
aus dem Französischen von Hans Kantereit

Motin, Margaux | Motin, Margaux
176 Seiten, Carlsen

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Es gibt viele Herausforderungen für moderne Frauen und Margaux Motin kennt sie alle. Ob es sich um die langen Jahre handelt, in denen Mütter sich mehr mit Barbapapa und Gummitierchen beschäftigen, als mit Erwachsenengesprächen oder um die lästige „Was zieh ich nur an–Frage“, die Autorin nimmt sich selbst in diesen Situationen nicht so ganz ernst. Und dann sind da noch Chefs, die auf Ergebnisse warten und die Männer, die immer nur an das eine denken… In leichten reduzierten Zeichnungen führt Margaux Motin durch den Wahnsinn ihres Alltags. Jede Leserin findet sich in etlichen Situationen wieder, die zum Schmunzeln anregen. Ein Buch, welches man einer Freundin zum Geburtstag schenken mag; etwas wirklich Neues ist es indes nicht. Dennoch: amüsante Handtaschen-Lektüre, z.B. für Mütter auf dem Kinderspielplatz!

- KW

Die Rückkehrer
Wenn der Krieg im Kopf nicht endet

Maël / Morel, Olivier | Maël
114 Seiten, Carlsen

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Zerstörte Leben

„Die Rückkehrer“ erzählt die Geschichte von sieben Irak-Veteranen, die zwar überleben und nach Hause kommen, deren Seelen jedoch noch immer an den Gräueln hängengeblieben sind, die sie im Krieg erlebt haben. Die sieben Geschichten werden ineinander verwoben, indem vordergründig die Entstehung von Olivier Morels Dokumentarfilm „Amerikas verletzte Seelen“, welcher 2011 im deutschen Fernsehen ausgestrahlt wurde, erklärt wird. Überblendungen der üblicherweise in Schwarz-Weiß gehaltenen, sehr eindrücklichen Zeichnungen zeigen dabei dem Leser durch ihren blutroten Ton an, dass er sich gerade in einem Flashback der Protagonisten befindet. Dieser Farbton umgibt regelrecht die Kriegsheimkehrer wie ein Nebel der Erinnerung, die sie an einem glücklichen Leben hindert.

Hauptanliegen der Arbeit des Autorenduos ist es, das Bewusstsein in seinen Lesern zu wecken, was kriegsführende Staaten denen zumuten, die sie in den Krieg schicken. Wiederkehrendes Element ist daher auch der Satz „Geh nicht weg“. Dabei wird nicht nur auf den Irakkrieg, sondern auch auf den Zweiten Weltkrieg und den Krieg gegen die amerikanischen Ureinwohner angespielt. Der Philosoph Marc Crépon, der für das Vorwort verantwortlich zeichnet, resümiert dann auch folgerichtig: „Es gibt keinen gerechten Krieg. Angenommen, er sei notwendig – was nie hinreichend bewiesen wurde – , so ist das, was er den Männern und Frauen, die ihn erdulden müssen, abverlangt, in jedem Fall ungerecht.“

Abgerundet wird die Publikation mit einer kurzen Lebensbeschreibung der sieben Protagonisten und einem umfangreichen Glossar.

Ein beklemmendes Dokument des Krieges.

- MD

Die Sicht der Dinge
Taniguchi, Jiro | Taniguchi, Jiro
278 Seiten, Carlsen

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Als der Protagonist dieser Geschichte vom Tod seines Vaters erfährt, den er seit über 15 Jahren nicht mehr gesehen hat, kehrt er aus Tokio in seinen Heimatort zurück. Hier holt ihn die Vergangenheit wieder ein, er erkennt seinen eigenen Vorurteile und seine jahrelange Unfähigkeit, sie zu überwinden. Taniguchi selbst stellt in einem Nachwort die autobiographischen Bezüge her und arbeitet in seinem zauberhaft gezeichneten Buch mit Zeitblenden und den verschiedenen Perspektiven unterschiedlicher Lebensalter. Während der Kindheit des Jungen Yoichi ist der Leser häufig auf Augenhöhe mit dem Protagonisten, mit wachsendem Alter stellt er, auch räumlich, einen größerer Abstand her. Taniguchi ist ein Meister der Inszenierung von Räumen und Perspektiven, „die Sicht der Dinge“ ist hier nicht nur Titel sondern auch Programm. Ein Meisterwerk!

- JPS

Die Verwandlung
nach Franz Kafka, übersetzt von Kai Wilksen

Horne, Richard | Corbeyran, Horne
48 Seiten, Knesebeck

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Der bekannte Text von Frank Kafka liegt hier in einer düsteren und sehr eindrucksvollen Graphic Novel vor. Gregor Samsa erwacht als Riesenschabe in der elterlichen Wohnung und kann nunmehr nur noch eine Art Statist in seinem eignen Leben sein. Er kann alles hören und verstehen, was gesprochen wird, doch er kann sich nicht mehr mitteilen. Allein Gregors Schwester bemüht sich, ihn zu verstehen und seine Wünsche zu respektieren. Da der junge Mann ehemals dafür zuständig war, das Familieneinkommen zu verdienen, bricht jetzt, da er nicht mehr arbeiten kann, die Not über die Familie herein. Sie vermieten ein Zimmer unter, die Schwester wird zur abendlichen Unterhaltung durch ihr Violinenspiel einbestellt. Wehmütig lauscht Gregor den vertrauten Klängen und eilt in seiner Schabengestallt hinzu. So löst er einen letzten Skandal aus, in dessen Folge sogar die Schwester nur noch weg will von Gregor und aus dieser despektierlichen Situation. Gregor stirbt an den Folgen seines gebrochenen Herzens und die restliche Familie macht sich auf zu neuen Ufern. Diese Geschichte ist wohl eine der Bekanntesten von Franz Kafka. In dieser meisterlich gezeichneten Umsetzung mit bildvollen Doppelseiten und manchmal schräg verwirbelten Einzelbildern bekommt die Geschichte eine weitere Dimension. Großartig!

- JPS

Don Quijote
Flix | Flix
144 Seiten, Carlsen

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Nach dem Geniestreich „Faust“ (2010) legt Flix mit „Don Quijote“ die zweite Neuinszenierung eines Literaturklassikers vor. Und auch diesmal greift er bravourös in die inhaltliche und künstlerische Trickkiste seines Könnens.

Don Quijote ist bei Flix ein 79-jähriger Demenzkranker namens Alonso Quijano, wohnhaft in dem ausgestorbenen Nest Tobosow, Kreis Müritz. Sein Leben widmet er dem Kampf gegen alles, was er als neumodisch ablehnt: die Veröffentlichung von Comics in Zeitungen genauso wie der Plan, auf seinem Grund und Boden einen Windpark zu errichten. Seine Waffe ist der Leserbrief bzw. seine Einbildungskraft. Zwei Mal flieht er aus dem Altersheim, in das ihn seine Tochter nach einigen gewaltsamen Ausbrüchen seinerseits einquartiert hat, unterstützt von seinem Enkel Robin, der sich wie Alonso als Ritter empfindet, allerdings etwas aktualisiert als Dark Knight, Batman. Die beiden durchstreifen die Landschaft und sehen an allen Ecken und Enden Feinde, die es zu besiegen gilt. Schlussendlich kommen sie in das völlig verlassene Tobosow zurück, wo sie in Alonsos halb verfallenem Haus Unterkunft finden. Eine finale Konfrontation mit seiner Tochter bringt ihn (kurzzeitig) zur Besinnung.

Flix‘ Neuinszenierung wartet mit vielen Anspielungen auf die weltberühmte Vorlage auf (Alonsos „Dulcinea“ zum Beispiel ist seine längst verstorbene Katze), aber auch auf seine eigenen Arbeiten wird Bezug genommen: die Teufelsgestalt erinnert beispielsweise stark an den Mephisto aus seinem „Faust“. So entsteht ein Mittelding aus modernem Klassiker und Tragikomödie, die Cervantes‘ Geschichte in aktuellem Kleid und mit modernen Mitteln neu erlebbar macht. Das Ganze in Szene gesetzt von sehr fein gearbeiteten Panels, die vieles auch ohne Worte aussagen.

Eine wunderbar nachdenkliche Geschichte über die ambivalente Kraft der Imagination, die Beziehung zwischen Großeltern und ihren Enkeln sowie die Tragik der Demenz.

Lesenswert

- MD

Don Quixote
Textbearbeitung von Ulrike Marotz

De Cervantes, Miguel/ Davis, Rob | Davis, Rob
296 Seiten, Egmont Graphic Novel

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Wer kennt ihn nicht, den Ritter von der traurigen Gestalt, der auf seiner klapprigen Mähre Rosinante, begleitet von seinem Knappen Sancho Pansa um die Aufmerksamkeit seiner geliebten Dulcinea zu erringen sogar gegen die Flügel einer Windmühle kämpft? Die vorliegende Adaption des Servantes-Klassikers als Graphic Novel, gezeichnet von Rob Davis, kommt all jenen Lesern sehr entgegen, die vor der umfangreiche Textfassung (rund 1260 S.) etwas zurückschrecken. Dennoch ist Davis seine Textnähe und –genauigkeit mehrfach bestätigt worden, so dass sich diese gezeichnete Fassung durchaus für den Einsatz in der Schule anbietet. Zumal ja das Thema keineswegs an Aktualität verloren hat, wenngleich es heutzutage wohl nicht mehr um die Faszination von Ritterromanen, sondern vielleicht eher um die Suchtwirkung von Videospielen handeln könnte...Ein durchaus spannendes Thema, dem man sich womöglich über solch ein gezeichnetes Meisterwerk annähern könnte. (Vergleiche auch: Don Quijote von Flix) Davis’ 4-farbig gezeichnete Figuren, schwungvoll und kantig, haben oft großflächig gestaltete Hintergründe, die den Geschichten Halt und Ruhe geben. Expressive Farbigkeit und Ton-in-Ton Kolorierungen wechseln einander ab, ebenso ist die Seitenaufteilung dem Fluss der Geschichte angepasst. Hier lässt sich nicht nur genussvoll Don Quixotes Geschichte kennen lernen, es gibt auch jede Menge über die Kunst des Comics zu erfahren. Wohlan, was sind schon 400 Jahre?

- JPS

Drei Schatten
übersetzt von von Annette von der Weppen

Pedrosa, Cyril | Pedrosa, Cyril
268 Seiten, Reprodukt

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Können Eltern jemals den Tod ihres Kindes akzeptieren?

Die Welt von Lise, Louis und ihrem Sohn Joachim scheint perfekt, bis eines Tages drei geheimnisvolle, schattenhafte Reiter auftauchen, die der Familie Angst machen. Eine Wahrsagerin aus der Stadt offenbart der Mutter das Offensichtliche: die drei Schatten werden Joachim für immer mitnehmen. Der Vater, der nicht bereit sind, das zu akzeptieren, flieht mit seinem Sohn über den großen Fluss in ein fremdes Land, das er als Schiffbrüchiger gemeinsam mit Joachim gerade noch erreicht. Doch die Dunkelheit kann nicht abgeschüttelt werden.

Der preisgekrönte Band „Drei Schatten“ weist alle Zutaten für eine gute Graphic Novel auf: einen Vater, der alles für sein Kind opfert; den Tod, der im Laufe der Handlung seinen Schrecken verliert; einfühlsam gestaltete Figuren, die trotz ihrer karikaturhaften Überzeichnung von Cyril Pedrosa liebevoll in Szene gesetzt werden und eine dichte, nachdenkliche Atmosphäre, die zwischen Realität und Traum, zwischen Ernst und Ironie hin- und herwechselt.

Ein traurig-tröstendes Buch über Lebensglück, Schicksal und Verlust.

- MD

Ein Sommer am See
übersetzt von Tina Hohl

Tamaki, Mariko | Tamaki, Jillian
317 Seiten, Reprodukt

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Wer erinnert sich nicht an die endlos langen Sommerferien der Kindheit?

Die Graphic Novel der aus Kanada stammenden Cousinen Jillian und Mariko Tamaki erzählt eine coming-of-age-story zweier Mädchen: Rose (aus deren Blickwinkel die Geschichte erzählt wird),und Windy.

Wie jeden Sommer fährt Rose mit ihren Eltern in dasselbe Ferienhaus am See in Awago Beach, Kanada. Sie freut sich auf die eineinhalb Jahre jüngere Windy, die am Ort lebt. Die beiden Freundinnen gehen zusammen im See schwimmen, besuchen den kleinen Laden am Ort um sich mit Süßigkeiten einzudecken, beobachten die Leute, kichern zusammen. Doch dieser Sommer fühlt sich anders an als die Sommer zuvor. Rose kann Windys kindlichen Spielen nicht mehr so viel abgewinnen, sie interessiert sich mehr für Dunc, den jungen Mann im Laden, und die Clique von Dorf-Jugendlichen, die dort herumlungern, Bier trinken, komische Bemerkungen und erste sexuelle Erfahrungen machen. Rose sucht immer wieder deren Nähe, Windy hingegen kann das (noch) nicht verstehen. Auch sonst ist dieser Urlaub für Rose  nicht unbeschwert – ihre Eltern haben viel Streit, und nach einer heftigen Auseinandersetzung reist ihr Vater kurzerhand ab, zurück bleiben eine sprachlose Mutter und die verstörte Rose. Doch damit nicht genug, weitere Problemfelder werfen ihre Schatten auf die Leichtigkeit des Mädchen-Sommers:  Adoption (Windy ist ein adoptiertes Kind), Homosexualität, Kinderlosigkeit und Depression sind Themen in den Familien. Ganz zart angedeutet,

jedoch nie direkt thematisiert wird auch Roses‘ Verhältnis zum Essen. Während sich die etwas mollige kleine Windy fröhlich die im Lädchen gekauften Süßigkeiten schmecken lässt, sammelt die schlanke (überschlanke?) Rose die Leckereien daheim in einem Glas, das stetig voller wird…. Die komplett in Blautönen gehalten Illustrationen entfalten bei der Lektüre sofort einen unwiderstehlichen Sog, der beim Leser den Eindruck erweckt, er säße mit den Mädchen am See… Die äußerst gelungene Kombination aus knappem Text und feinen, genau beobachteten Bildern machen den „Sommer am See“ zu einem beglückenden Leseerlebnis und einer nostalgischen Reise in die changierenden Gefühlswelten der komplizierten Zeit zwischen Kindheit und Erwachsensein. Ganz große Leseempfehlung!

- VK

Eine erlesene Leiche
aus dem Französichen von Ulrich Pröfrock

Bagieu, Pénélope | Bagieu, Pénélope
24 Seiten, Carlsen

Cover

Das Leben scheint wieder gut zu ihr zu sein, denkt Zoe, als sie den Schriftsteller Thomas kennenlernt und bei ihm einzieht. Endlich kann sie sowohl ihren Job als Messehostess wie auch ihren bisherigen Freund hinter sich lassen, der sich als Loser entpuppt hat. Auch Thomas scheint von der Beziehung zu profitieren. Endlich ist die Schreibblockade überwunden und der einst so berühmte Autor vollendet seine neue Trilogie. Dann aber taucht seine Verlegerin und Ex - Frau Agathe auf und so manche Schleier lüften sich. Wieder nur Blendwerk oder doch endlich der Hauptgewinn? Schon das Cover verspricht unterhaltsamen Inhalt und macht neugierig. Mit ansprechenden Zeichnungen und passenden Worten gelingt es Penelope Bagieu dann auch tatsächlich, ein Werk zu schaffen, in das man eintauchen kann wie in einen guten Spielfilm. Die Personen und die Handlung sind modern und halten Überraschungen bereit, die Spaß machen. Für alle, der Comics mögen, die eine realistische Handlung haben.

- KW

Einstein
Maier, Corinne | Simon, Anne
64 Seiten, Knesebeck

Cover

Genial, die Comic-Biografie „Einstein“, fast wie das Original selbst. Dabei hätte Knesebeck keinen besseren Zeitpunkt für die deutsche Ausgabe dieses Buchs finden können. Denn just im September 2015 konnten amerikanische Wissenschaftler die Existenz der aus der Allgemeinen Relativitätstheorie resultierenden Gravitationswellen beweisen. Einstein hatte damit in all seinen Annahmen recht.
Corinne Maier und Anne Simon amüsieren und bringen selbst die absoluten Physiknieten unter den Lesern dazu, am Ende begeistert zu sein und, was noch besser ist, die schwierigen Zusammenhänge der Relativitätstheorie ansatzweise zu verstehen. Fast weiß man gar nicht, wohin mit so viel Schönheit, die dem Inhalt des Buchs, der Gedankenwelt Einsteins, entspringt. Der 1879 geborene und 1955 verstorbene Wissenschaftler selbst ist es, der als Ich-Erzähler durch die Seiten führt und mithilfe Anne Simones Stift und Corinne Maiers Worte die schwer zu begreifenden Theorien und auch sein Dilemma als „Vater der Atombombe“ beschreibt. Bessere Assistentinnen hätte der Wissenschaftler dafür kaum finden können. Genie, Zionist und Pazifist, Schürzenjäger, abwesender Vater und Hippie – er war alles und auch wieder nicht. Die Autorinnen überlassen es dem Leser, sich seine eigene Meinung zu bilden.
„Wenn ein blinder Käfer über einen krummen Ast kriecht, merkt er nicht, dass er gekrümmt ist. Ich hatte das Glück, es zu bemerken.“ Einstein besaß großen Sinn für Humor, sein Bild mit der ausgestreckten Zunge ist weltbekannt. Ein ganzer Comic zu Einstein wie die neueste Biografie darf da in keinem Bücherregal von Jugendlichen und jung gebliebenen Erwachsenen fehlen. Denn spätestens mit ihr wird Physik zu dem, was sie idealerweise ist: Ungebremste Neugierde. Der Aufruf, gewohnte Denkmuster zu durchbrechen und die Schönheit der gesamten Existenz zu sehen. Absolut empfehlenswert!

- KP

Emil und die Detektive
Kästner, Erich | Kreitz, Isabel
112 Seiten, Dressler

Cover

Isabel Kreitz hat sich nun auch den berühmtesten Kästner vorgenommen, und das Buch in der ihr eigenen, herausragenden Art in einen Comic umgewandelt. Dabei zeichnet sie sich, wie immer, durch sorgfältig recherchierte Szenarien und durch eine wunderbar textnahe Bearbeitung aus. Die Charaktere sind überzeugend umgesetzt, die Zeichnungen im Stil von Walter Trier, der damals die Buchcover zu Kästners Büchern zeichnete, und dessen Stil Isabel Kreitz auch schon im 35. Mai und in Pünktchen und Anton so meisterhaft weiterentwickelt hat. Kreitz hat diesen Klassikern des Kinderbuchs mit der Neubearbeitung als Comic ein neues Publikum eröffnet; hoffentlich erkennen recht viele Lehrer und Eltern dies Potenzial. Einen literarisch gelungeneren Einstieg in Comics und Graphic Novels lässt sich kaum finden. Zauberhaft!

- JPS

Ethel & Ernest
Briggs, Raymond | Briggs, Raymond
104 Seiten, Reprodukt

Cover

Eine Radioübertragung aus den 1930er-Jahren knistert und rauscht. Und so ähnlich klingt auch „Ethel & Ernest“, der Comic, den der britische Autor und Illustrator Raymond Briggs 1998 als Hommage an seine Eltern schreibt. 17 Jahre nach der englischen Originalfassung ist das Buch, das den Untertitel „Eine wahre Geschichte“ trägt, nun auch im Deutschen erschienen.
Die Handlung ist in Briggs‘ Geburtsort London angesiedelt und umfasst die Zeitspanne 1928 bis 1971, von der ersten Begegnung der Kammerzofe Ethel und dem Milchmann Ernest bis zu ihrem gemeinsamen Todesjahr. Detailverliebt und blumig gezeichnet und mit einer guten Portion schwarzen Humors untermalt, lässt der Autor den Zweiten Weltkrieg, die sozialpolitischen Umbrüche Englands und den technischen Fortschritt des 20. Jahrhunderts Revue passieren. Die Eltern könnten dabei in ihren Ansichten nicht unterschiedlicher sein: Regelmäßig bringt Ernest die Naivität und das Unwissen Ethels ob der aktuellen Geschehnisse zum Verzweifeln. Ethel hingegen kann nicht verstehen, dass der Sohn Kunst studiert, lange Haare trägt und zu allem Überdruss einen deutschen Lieferwagen fährt. Urkomisch, wie Briggs die Diskurse zwischen den Eheleuten und auch den Generationenkonflikt Eltern-Kind beschreibt!
Deutschland kommt in dem Buch verständlicherweise schlecht weg, doch auch den eigenen Landsleuten hält Briggs den Spiegel vor, ohne mit erhobenem Zeigefinger dazustehen. Wie gut ist es da, mit „Ethel & Ernest“ gemeinsam zu lachen. Jetzt, wo mal wieder Europas Zukunft auf dem Spiel steht.

- KP

Existenzen
und andere Abgründe

Tatsumi, Yoshihiro | Tatsumi, Yoshihiro
320 Seiten, Carlsen

Cover

Tatsumi, 1935 in Osaka geboren, erfand in den 50er Jahren den Begriff „Gekiga“. Hierbei entwickelte er durch seine individuelle Interpretation des Mangazeichenstils eine realistische Darstellung der Psychologie seiner Charaktere und gab so dem japanischen Manga eine bis heute wirksame Erweiterung. Tatsumis Werke gelten inzwischen als Klassiker japanischer Erzählkunst und werden in viele Sprachen übersetzt.
Der vorliegende Band versammelt 13 Geschichten überwiegend dunkler Charaktere, die einen eher untypischen und exzentrischen Einblick in die japanische Gesellschaft gewähren. Die Existenzen und Rand-Existenzen, die wir hier kennen lernen, sind in der Tat mit einer komplexen Psychologie ausgestattet und werden zeichnerisch so dicht, dass man sich der Ausstrahlung ihrer Persönlichkeiten nicht entziehen kann.

- JPS

Fahrradmod
Dahmen, Tobi | Dahmen, Tobi
474 Seiten, Carlsen

Cover

Die Liebe zur Musik

Der umfangreiche Comic-Roman „Fahrradmod“ basiert auf einem Webcomic (www.fahrradmod.de), der Tobi Dahmen seit 2007 beschäftigte. Darin erzählt er in vier großen Kapiteln die Geschichte seiner eigenen Jugend in den 80er und 90er Jahren in Wesel und erklärt nebenbei die Ursprünge der wichtigsten Jugendkulturen dieser Zeit (Mods, Scooterboys, Skinheads) sowie die entsprechenden Musikstile Jazz, Soul, Ska und Beat.

Zunächst auf der Suche nach der eigenen Identität, wird Tobi ein Mod, kann aber mit dem dafür eigentlich notwendigen Roller nicht aufwarten. Er nennt sich daher „Fahrradmod“. Zeit seines Lebens fühlt er sich als Außenseiter und versucht alles, um in der Szene anerkannt zu werden. Im Laufe dieser Coming-of-Age-Geschichte verhandelt Dahmen klassische Themen wie Freundschaft, Zugehörigkeit, erste sexuelle Erfahrungen und Gewalt. Gleichzeitig ist „Fahrradmod“ aber auch ein Zeitdokument, welches zum Beispiel das Einfließen rechtsextremen Gedankenguts in die Jugendkulturen der 80er und 90er erklärt.

Hauptthema ist jedoch die Liebe zur Musik, die am Ende folgendermaßen zusammengefasst wird: „Dieses Lied schmeckt mir auch nach dem 300. Mal auf der Tanzfläche immer noch. Es bewegt mich immer noch. Und wenn ich ein mir bisher unbekanntes Stück höre, macht mich das nur noch hungriger. Ich hoffe, dass mich dieser Hunger ein Leben lang stechen wird.“

Illustriert wird diese Geschichte von eindringlichen Schwarz-Weiß-Zeichnungen, die auch Peinlichkeiten und Gewalthandlungen nicht aussparen. Vor allem aber sollen sie eines erfahrbar machen: den coolen Lebensstil der Mods, „in style“.

Ein bemerkenswerter Roman.

- MD

Faust : Der Tragödie erster Teil
Flix | Flix
95 Seiten, Carlsen

Cover

Mephisto bringt versehentlich Gottes Computer zum Absturz und Gott damit so ziemlich an den Rand. Beim anschließenden Versuch, das Missgeschick zu beheben nimmt Mephisto Einblick in Gottes Anhänger-Datei. Daraufhin kommt es zu der berühmtesten Wette der Weltliteratur: wird der Teufel es schaffen, Heinrich Faust innerhalb eines Jahres vom Pfad der Tugend ab zu bringen?
Das Feuerwerk an Ideen, welches Flix hier abschießt, dürfte selbst aus klassikerfeindlichen, Goethe-hassenden Jugendlichen anbetungswillige Graphic-Novel-Jünger machen, und zwar in weniger als einer Woche.
Flix zeigt, dass intelligent gezeichnete Geschichten keine Altersbegrenzung nach oben brauchen, dass es durchaus Möglichkeiten gibt, den Deutsch-Unterricht aufzupeppen. Also lasst uns weiter nach solchen Titeln forschen und die Zeichner anbetteln, weiter zu zeichnen: Klassiker der Weltliteratur vertragen durchaus eine Umsetzung in Graphic Novels, und die Schüler vertragen es allemal!

- JPS

Ferdinand, der Reporterhund 1 & 2
Ruthe, Ralph | Flix
64 Seiten, Carlsen

Cover

Bei Ferdinand handelt es sich um einen gelben Hund, der als Redakteur einer Zeitung arbeitet. Sein meistens cholerischer Chef schickt ihn häufig spät los und entsprechend steht Ferdinand dann unter Beschaffungsdruck. Manchmal wird er von einer Zeitungsente begleitet, die nicht selten für Chaos sorgt. Doch Ferdinand nimmt er seinen Job ernst, spricht nur durch seine Zeitungsartikel und fördert häufig ungewöhnliches und lehrreiches zutage. So haben die jungen Leser neben der Freude am Comic noch ein unauffälliges Bildungs-erlebnis. Die von Ralph Ruthe geschriebenen Geschichten sind von Flix genial illustriert und machen Lust auf mehr. Kleine Geschichten-Häppchen, witzig angerichtet, absolut Kindertauglich und auch bei Erwachsenen beliebt...

- JPS

Fun home
Eine Familie von Gezeichneten

Bechdel, Alison | Bechdel, Alison
240 Seiten, Kiepenheuer & Witsch

Cover

Das in den USA erschienene Buch war 2006 ein literarischer Überraschungserfolg: Alison Bechdel erzählt in ihrer autobiografischen Geschichte vom geliebten und merkwürdig unnahbaren Vater, der tragisch ums Leben kommt, als Alison 19 Jahre alt ist. Sie beginnt, die Familiengeschichte zu entwirren und entdeckt dabei des Vaters und ihre eigene Homosexualität. Auch die Liebe zur Literatur verbindet sie beide, in klug inszenierten Zeitschleifen erinnert sich Bechdel an Familienereignisse, persönliche Nähe-momente mit beiden Eltern und immer wieder an die eigenen Irritationen während ihrer Kinder- und Jugendjahre, als das Geheimnis des Vaters noch unentdeckt war.
Ein mutiges und anrührendes Buch, trotz des thematischen Tiefgangs großartig locker und leicht gezeichnet. Wundervoll!

- JPS

Ganz allein
Chabouté, Christophe | Chabouté, Christophe
376 Seiten, Carlsen

Cover

Chabouté zeigt uns die Geschichte eines Mannes, der Zeit seines Lebens abgeschlossen mitten im Meer auf einem winzigen Leuchtturmfelsen wohnt. Der seit Geburt entstellte Mann ist wird nach dem Tod seines Vaters regelmäßig einmal pro Woche von einem Skipper beliefert, dem der Vater Geld zu diesem Zweck überlassen hat. Als der Skipper mit einem neuen Bootsjungen die Tour fährt, erfragt dieser die Geschichte des Einsiedlers, den man bis dahin noch nie gesehen hat und der „Ganz Allein“ genannt wird. Der junge Bootsmann interessiert sich für den einsamen Leuchtturmwächter und nimmt vorsichtig Kontakt zu ihm auf. Dieses Interesse ändert das Leben des Einsiedlers komplett...
Die ganz in Schwarzweiß gezeichnete Geschichte fährt teils in ruhigen Kamerafahrten hin zum Leuchtturm und wieder fort, lebhafte Perspektiv- wechsel gibt es vor allem bei den Gedanken und Fantasien des Leuchtturmwächters. Dieser wird einem zunehmend vertraut und sympathisch, trotz seiner Missgestalt. Eine mitreißende Geschichte, fantastisch erzählt fast ohne Worte....

- JPS

Handschuh-Kid
übersetzt von Nicola T. Stuart

Hunt, Julie/ Newman, Dale | Hunt, Julie/ Newman, Dale
288 Seiten, Jacoby & Stuart

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Der Junge Handschuh-Kid ist ein geniales Klaviertalent. Leider wird er von seinem angeblichen Onkel Dr. Spin eingesperrt, sein Wachstum wird bewusst behindert, damit Kid möglichst lange als Wunderkind auftreten kann. Denn auf diese Art verdient Spin sein Vermögen. Kid ist natürlich unglücklich über sein Dasein, hat aber in Madame Liebhain, seiner Klavierlehrerin und in der Musik seine Lebensbestimmung gefunden. Eines Tages verschafft sich Shoestring, ein Seilläufer und diebischer Straßen-junge Zutritt zu Kids Turmzimmer. Und ab jetzt entwickeln sich die Aspekte dieser Fantasy-Geschichte in eine neue und dramatische Richtung. Die in Bleistift gezeichnete Graphic Novel verwebt Fantasy-aspekte mit einer Abenteuergeschichte, bei der am Schluss natürlich das Gute siegt. Die Liebe zur Musik ist ebenso ein roter Faden der Geschichte wie die Suche nach Freiheit und den eigenen Wurzeln. Spannend!

- JPS

Havanna
Kleist, Reinhard | Kleist, Reinhard
96 Seiten, Carlsen

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Reinhard Kleist musste sich anscheinend zunächst mit der Frage auseinander setzen, warum überhaupt er nach Kuba reisen will. Dabei hat er doch das weltbeste Reiseargument, dass sogar für Länder mit totalitären Regimes gültig ist: ...um es sich selbst anzusehen?! Spricht etwas dagegen, sich im wörtlichen Sinne ein eigens Bild von einem Land zu machen, und sei es auch noch so umstritten? Aber dort leben und arbeiten Menschen, die ihre Familien und ihre Wurzeln dort haben. Die stolz sind auf soziale Errungenschaften und Fortschritte aus eigener Hände Arbeit   - wer wollte es ihnen verübeln? Kleist begegnet den Menschen auf Kuba in erster Linie als Zeichner, aber mit viel Aufmerksamkeit für Stimmungen, Architektur und nicht zuletzt auch immer wieder dafür, wie er selbst in der Fremde wahrgenommen wird. So befindet sich der Zeichner häufig mit im Bild, denn Kleist muss sich auch ein neues Bild von sich selbst in dieser fremden Umgebung machen. Dabei lässt er uns häufig teilhaben an den Kommentaren derer, die ihm über die Schulter schauen- eine Aufmerksamkeit, der man sich als Zeichner schlecht entziehen kann.    

Grandiose Zeichenkunst!

- JPS

Hier kommt Oma
übersetzt von Verena Kiefer

Boonen, Stefan | Melvin
87 Seiten, Arena

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Wenn Oma kommt, dann geht es ab!! Sie packt ihre 10 Enkel in ihren klapprigen Wagen und ab mit allen in die alte Hütte im Wald. Alle Regeln der Eltern in den Wind geschossen, hier gehen die Uhren anders. Saubere Wäsche anziehen oder schlafen, obwohl der Kopf noch wach ist? Auf keinen Fall!! Es gilt Abenteuer zu bestehen und Oma ist bei Allem die Erste. Um sich ein Eis kaufen zu können, muss einer in den glibberigen See steigen und Knirsch holen. Wer könnte das besser als der Kleinste? Das Wochenende ist zu schnell vorbei und wieder daheim wird nichts verraten. So eine Oma will jedes Kind haben und so eine Oma will man unbedingt sein! Es macht riesigen Spaß den Abenteuern zu folgen und die tollen Zeichnungen tragen zu diesem Spaß noch bei. Jeder, der dieses Buch liest weiß einfach, dass es genauso sein soll, wenn Großeltern mal die Regie übernehmen. Mein absoluter Lieblingssatz: Eichhörnchen merken, wenn man ihnen zuzwinkert.

Ein Buch, das am meisten Spaß macht, wenn man es gemeinsam mit den Kindern anschaut und liest. Ab etwa 4 Jahren.

- KW

Humboldts letzte Reise
übersetzt von Anja Kootz

Le Roux, Etienne | Froissard, Vincent
158 Seiten, Knesebeck

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Dies ist kein Reisebericht.“

Mit diesen Worten hebt die grandiose Graphic Novel „Humboldts letzte Reise“ an, die ihren Ausgang in Berlin hat: der große Forscher Alexander von Humboldt, hochbetagt und des Lebens müde, erhält durch die geheimnisvolle Luise Amadilla Nachricht von seinem verschollenen Weggefährten Aimé Bonpland. Daraufhin beschließt er, sich umgehend auf den Weg zu seinem Freund zu machen. Begleitet von Luise begibt er sich auf eine abenteuerliche Reise voller Widrigkeiten: ein Schiffbruch führt zur Trennung der Gefährten und zu Luises Gefangennahme durch Humboldts Widersacher Carl Ritter; Humboldt gerät in einen Bürgerkrieg; auf wundersame Weise treffen die drei Protagonisten einander auf einer entbehrungsreichen Dschungelexpedition, die alle ans Ziel ihrer Reise bringt: die Miene, in der Bonpland verschollen ist. Dieser ist jedoch inzwischen vergessen und die Expedition macht sich auf die Suche nach dem dort vermuteten Huphrahomen, dem Urstoff allen Lebens. Alle drei steigen nun in die Mine hinab und im Tiefenrausch werden sie mit sich selbst und den Themen ihres Lebens konfrontiert.

Atemlos verfolgt der Leser auf den 158 bemerkenswert gestalteten Seiten diese an Jules Verne angelehnte Geschichte. Vincent Roissard bietet dabei seine ganzen Illustrationskunst auf: neben klassischen Panels ganz- und doppelseitige Bilder, neben unscharfen, mystischen gestochen scharfe Darstellungen, neben realistischen fantastische Zeichnungen, die an Bilder aus „Alice im Wunderland“ und „Gullivers Reisen“ erinnern, dazwischen Collagen von naturwissenschaftlichen Tier- und Pflanzensystematiken aus dem 19. Jahrhundert. Besonders interessant dabei ist die Art und Weise, wie Halluzinationen, Träume und Gedanken der Figuren dargestellt werden, die oft übergangslos an die reale Handlung anschließen: durch Fragmentierung, Imitation, Variation der Größen und Farben entstehen surreale Bilder einer grandiosen inneren Welt. Dazu kommt eine stets wechselnde Erzählerstimme, die es dem Leser nicht immer leicht macht, der Handlung zu folgen.

Tatsächlich wird dabei – wie der erste Satz dieser Graphic Novel schon verrät – nur vordergründig von einer Reise nach Südamerika erzählt. In Wahrheit geht es um die Reise der Figuren zu sich selbst.

Ein bibliophiles Meisterwerk.

- MD

Ich bin Fagin
Die unerzählte Geschichte aus Oliver Twist

Eisner, Will | Eisner, Will
124 Seiten, Egmont Graphic Novel

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Wir kennen ihn als den durchtriebenen Juden aus Oliver Twist: Fagin. Er ist alles, was zur Zeit des Romans über Oliver Twist von einem Juden erwartet wird. Ohne Reflexion hat Charles Dickens die herrschenden Vorurteile übernommen und diese düstere Gestalt erschaffen. Wer aber ist Fagin nun wirklich? Will Eisner nähert sich dieser Figur mittels einer Graphic Novel und setzt sie in den Gesamtkontext der damaligen Zeit. Schon die Wahl – bzw. Nichtwahl von Farbe- versetzt den Lesenden direkt in das London von Charles Dickens. Durch die Zeichnungen sind wir schnell bei dem Oliver Twist, den wir z.B. aus Verfilmungen kennen. Wir knüpfen also an das Bekannte schnell an. Und indem er der Person Fagin – bisher nur eine Randfigur- Beachtung schenkt, schreibt er den Weltroman Oliver Twist neu. Der Jude bekommt eine eigene Geschichte, die erklärt, warum er so war, wie er dargestellt wurde. Eine neue ungewöhnliche Art, Nebenfiguren in Weltliteraturromanen eine Stimme zu geben. Schade eigentlich, dass dieses Instrument nicht häufiger angewendet wird in der Literatur. Wer als Schulliteratur Oliver Twist empfiehlt, sollte diese Geschichte nicht auslassen. Nur so wird der historische Blick rund.

- KW

Ich wär so gerne Ethnologin
SERIE Special Edition for Ladies

Motin, Margaux | Motin, Margaux
176 Seiten, Carlsen

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Wenn frau gut zeichnen kann und damit Geld verdient, ist das noch lange kein ausreichender Grund, um mit dem Leben zufrieden zu sein, oder? Zumindest, wenn einem außerdem noch ein munteres Kleinkind durchs Leben wuselt, wenn Eltern und andere Familienangehörige ab und zu ihre ungebetenen Kommentare zum Tun und Lassen der Protagonistin abgeben und wenn die Versuche, ab und zu als bestangezogene junge Mutter aufzufallen, an den Spuckflecken des munteren Kleinkindes scheitern...
Um dem stressigen aber durchschnittlichen Leben einer jungen Mutter mit überdurchschnittlicher Zeichenbegabung tagebuchartigen Ausdruck zu verleihen, beschäftigt sich die Protagonisten außerdem noch mit solchen Planspielen wie: was wäre, wenn.... SIE wäre eben anscheinend gern Ethnologin geworden...
Mit ihren durchaus (selbst-)ironischen Kommentaren erinnert mich die Protagonistin an mich(damals) oder jede andere junge Mutter, die mit Humor, Gedankensprüngen und irgendwelchen Hilfsmitteln, wie Alkohol, Zigaretten u. ä. versucht, Beruf, Selbstverständnis und Mutter-Rolle unter einen Hut zu bringen. Tatsächlich gestaltet sich das heute etwas anders als vor 25 Jahren, aber am Grundproblem hat sich nicht viel geändert. Was sich erfreulicherweise wandelt, ist, dass es eine veröffentlichte „Aufzeichnung“ aus dieser Perspektive gibt, etwas, was anderen jungen Müttern zeigen kann, dass sie nicht alleine mit diesem anspruchsvollen Lebenskonzept sind. Und, dass es ungeheuer wichtig sein kann, sich in Zeiten dieser heftigen Beanspruchung eine individuelle Ausdruckform für Gefühle, Ideen und Gedanken zu suchen, wie auch immer. Also Mädels, haut rein!

- JPS

Im Eisland Band 1
Die Franklin Expedition

Gehrmann, Kristina | Gehrmann, Kristina
224 Seiten, Hinstorff

Cover

Die Suche nach der legendären Nordwestpassage in der Arktis trieb die ehrgeizige königliche Marine im Jahr 1845, und damit die beiden Segler Erebus und Terror unter der Leitung von Sir Admiral Franklin in die eisigen Regionen. In ihrem 3-bändigen Epos zeichnet Kristina Gehrmann mit Leidenschaft und Forschereifer die Schicksale einzelner Expeditionsteilnehmer nach, illustriert im wörtlichen Sinne Zeit, gesellschaftliche Rahmenbedingungen und das Leben an Bord. Mit klarer Linie und gezieltem Einsatz von Rasterfolie gelingt es Gehrmann, detailgenau aber dennoch gut lesbar und hochspannend von der Schifffahrt zu einer Zeit zu berichten, als die Welt noch nicht weitestgehend kartiert war. So passiert denn auch das Unvermeidliche: die Exkursion endet als Desaster, Mannschaft und Schiffe verschwinden und enden im Ewigen Eis. Der Erzähl- und Zeichenstil Gehrmanns fokussiert immer wieder auf einzelne Charaktere, behält aber auch die Gruppendynamik auf den Schiffen im Blick. So wird nichts beschönigt und der großartige erzählerische Bogen zieht auch schon Kinder ab 8 Jahren in seinen Bann. Absolut lesenswert!

- JPS

Im Schatten des Krieges
Reportagen aus Syrien, dem Irak und der Türkei

Glidden, Sarah | Glidden, Sarah
300 Seiten, Reprodukt

Cover

Sarah Glidden begleitete 2 Monate ein Gruppe befreundeter Journalisten in den Irak, nach Syrien und in die Türkei. Einer der Gruppe ist Dan, der sich als junger Soldat verpflichtet hatte, für die USA in den Irakkrieg zu gehen. Während die Journalisten Interviews mit der Bevölkerung machen wollen, auch um „authentische“ Stimmen aus den jeweiligen Ländern zu hören, stellt sich Sarah Glidden die zentrale Frage, was eigentlich Journalismus ist. Ihre aquarellierten Zeichnungen haben eine erstaunliche Klarheit und Direktheit, die mich persönlich mehr anspricht, als Fotos oder Film. Gliddens Stil zeigt ihre persönliche Nähe zu Orten und Menschen, zeigt ihre Fragen und ihren Wunsch, zu verstehen. Es gibt keine bessere Antwort als die Erkenntnis, dass überall Menschen leben, die vom Krieg hart betroffen sind. Ein absolut lesens- und betrachtenswertes Buch zum Thema Krieg.

- JPS

Junker
Ein preußischer Blues

Spruyt, Simon | Spruyt, Simon
192 Seiten, Carlsen

Cover

Preußen in den Jahren vor dem ersten Weltkrieg. Die Aristrokatie versucht mit Macht, ihren Stand zu erhalten. Das gelingt jedoch nicht immer. Auch die von Schitts gehören zum langsam verarmenden Landadel und mussten weite Teile ihres Landsitzes bereits aufgeben. Die Mutter weilt seit Jahren in einem Sanatorium in Davos. Der Vater hat ein Bein im Deutsch-Französischen Krieg verloren und damit seinen Söhnen Oswald und Ludwig einen Platz in der Kadettenanstalt gesichert. Hier ist die Schmiede für die Männer, die das Vaterland zu verteidigen haben. Nur solche Jungen, die zuhause Zucht und Ordnung gelernt haben und sich ihrer Stellung bewusst sind, können einmal gute Führungskräfte im Heer werden. Während Oswald in der Rolle des hochnäsigen Adeligen völlig aufgeht, findet sich Ludwig nur schwer zurecht. Er hat eine Begabung für das Schießen und wird schließlich für die Wartung des ersten Maschinengewehrs abgestellt. Im nächsten Jahr soll der König kommen und ihr Regiment soll die Parade stellen, da muss alles perfekt sein…

Die vorliegende Graphic Novel erzählt von den Ereignissen, die zum ersten Weltkrieg geführt haben. Spruyts Zeichnungen stellen auf besondere Weise die Hauptpersonen in den Mittelpunkt und lassen die restlichen Personen in einer gewissen Anonymität, indem ihre Gesichter alle austauschbar sind. Die Art, wie im Preußentum mit seiner Oberschicht gedacht wurde, wird auf eher spielerische Weise erfahrbar. Ein überraschendes Ende rundet die Geschichte perfekt ab. Nach dem Lesen ist dieser Zeitraum der deutschen Geschichte sicherlich kein leeres Blatt mehr. Für alle, die sich für Geschichte interessieren oder es sollten.

- KW

Kiste - Kein Unsinn
Wirbeleit, Patrick | Heidschötter, Uwe
72 Seiten, Reprodukt

Cover

Kistes Fangemeinde hatte schon ungeduldig auf die neue Ausgabe gewartet: Kiste ist Kult. Nach dem ersten Band „Kiste“ und dem 2. „Flucht-mücken und Wetterzauber“ liegt jetzt als 3.Band „Kein Unsinn“ vor. Mattis soll für eine Nacht alleine bleiben. Damit er keinen Unfug anstellt, wird Jana als Babysitterin eingeladen. Das alleine ist schon frustrierend genug, aber dann stellt sich heraus, das Jana nicht viel älter ist, als Mattis selbst. Dabei hatte Mattis es für eine richtig gute Idee gehalten, Jana mit Hilfe von Kiste in die Anguck-Starre zu versetzten. Aber die klappt eben nur bei Erwachsenen...

So ist dann doch eine ganze Menge von dem erforderlich, was Erwachsene voraussichtlich als Unsinn bezeichnen würden. Wieder höchst unterhaltsam und mit hohem Suchtfaktor. Die nächste Kiste kommt bestimmt....

- JPS

Kopf in den Wolken
übersetzt von André Höchemer

Roca, Paco | Roca, Paco
108 Seiten, Reprodukt

Cover

In besseren Tagen war Emilio mal Leiter einer Bankfiliale. Nun wird er von seinem Sohn und seiner Schwiegertochter in einem Altenheim einquartiert. Miguel, ein geschäftstüchtiger Mitbewohner, führt ihn durchs Haus und stellt ihm- nicht ohne Ironie- seine Leidensgenossen vor. Schon bald zeigt sich, dass sich Emilio nur sehr schlecht zurecht findet. Und auch sonst verlegt er gerne mal den einen oder anderen Gegenstand. Wie gut, dass sein neuer Freund stets entscheidende Hinweise zum Auffinden geben kann und ihn in seinem neuen Zuhause praktisch an die Hand nimmt. So geht es gemeinsam zur Gymnastik, zum Bingospielen oder gar in den gefürchteten 1. Stock, wo die Bettlägrigen leben.

Doch irgendwann ist es so weit: Emilio bekommt die schreckliche Diagnose: Alzheimer!

Um ihn von seinem Kummer abzulenken, organisiert Miguel eine nächtliche, geheime Autofahrt, die nicht ohne Blessuren abgeht. Doch trotz seiner liebevollen Hilfe kann er natürlich das Fortschreiten der Krankheit seines neuen Freundes nicht verhindern. Für Emilio verliert das Leben praktisch jegliche Kontur.

Die beeindruckende Graphic Novel ist in gedämpften Pastel- und Brauntönen gezeichnet. Besonders plakativ ist eine Doppelseite, auf der ein ganzer Tagesablauf dadurch verdeutlicht wird, dass die Menschen, die da auf den Stühlen sitzen oder mehr hängen, sich nicht großartig verändern – das Einzige, was sich verändert, sind die Lichtverhältnisse. Und Miguels Frage: Na, wie war dein Tag? ist wohl auch mehr rhetorisch...

In geschickten Rückgriffen wird gezeigt, wie Emilio immer wieder seine Vergangenheit in den Sinn kommt. Aber auch das erfüllte Vorleben seiner Mitbewohner in gesunden Zeiten spielt eine Rolle. Sie alle stehen mit ihrem Leben in einer anderen Realität auch im Zentrum des Geschehens, das Pflegepersonal oder die Angehörigen kommen eher am Rande vor.

Insgesamt eher eine traurige Bestandsaufnahme und nichts für die „das wird schon wieder“ Fraktion. Am Ende wünscht man Emilio jede Menge Glück für sein Leben und Sterben im Wolkenkuckucksheim und jedem Betroffenen einen unkonventionellen Don Miguel an seiner Seite.

- KS

Kriegszeiten
Eine grafische Reportage über Soldaten, Politiker und Opfer in Afghanistan

Schraven, David | Burmeister, Vincent
128 Seiten, Carlsen

Cover

Bei dem vorliegenden Buch geht es um den Afghanistan-Krieg, der mit dem Angriff auf das World Trade Center begann und seitdem unter Beteiligung der Bundeswehr andauert. Damit ist auch schon einer der Hauptaspekte dieser Graphic Novel genannt: dieser Krieg hat etwas mit uns zu tun. Echte Soldaten kämpfen gegen so genannte Feinde und es wird auf allen Seiten gestorben. Bei Soldaten und Zivilisten. Die schwarzweißen Zeichnungen sind mit verschieden-farbigen Senfgelb- und Brauntönen koloriert und mit Rasterfolien hinterlegt. Sie wirken düster und sind genau so wenig objektiv wie Fotografien. Bilder und Texte gemeinsam schildern Vorkommnisse, Personen und Kriegshandlungen aus der Perspektive der Autoren. Soldaten kommen zu Wort und Politiker werden an ihren Worthülsen erkennbar. Kriegszeiten ist aufwändig recherchiert und enthält im Anhang einen zusätzlichen Text Schravens und eine Liste weiterführender Links und Literatur. Dies könnte eine Handreichung sein, zum weiteren Umgang mit der Tatsache, dass „richtig und falsch“, „gut und böse“ oder „sinnvoll und sinnlos“ immer ein genaues Hinschauen erfordert, und dass es nicht  damit getan ist, Medien und Politik zu vertrauen.

- JPS

Leben
Ein Leitfaden

Kriebaum, Thomas | Kriebaum, Thomas
126 Seiten, °luftschacht

Cover

Es kann ja allerlei unterschiedliche Gründe geben, warum jemand einen Leitfaden bezüglich des Lebens im Allgemeinen befragen möchte. Für diesen von Kriebaum brauchts eigentlich Keine. Der vorliegende Leitfaden zieht sich von der Geburt (und davor) durch alle zentralen Themen des Lebens (inklusive Religion, Sex, Kunst & Kultur und Sonstiges!). Die einfachen und die komplexen Dinge werden gleichermaßen mit spitzer Feder auf den Punkt gebracht, allemal unterhaltsam und durchaus geneigt, dem Leser ein paar alte Fragen im neuen Outfit zu stellen. Oder einfach nur mittels Humor die Tatsache zu befördern, dass so ein Leben, welches auch immer, tödlich endet... Amüsant und prägnant!

- JPS

Lebensbilder
übersetzt von Matthias Wieland

Eisner, Will | Eisner, Will
477 Seiten, Carlsen

Cover

Will Eisner, 1917-2005, genannt der „große, alte Mann des Comics“, begründete 1978 das Genre der Graphic Novel mit seinem Buch „Ein Vertrag mit Gott“. Das vorliegende Buch ist eine Sammlung autobiografischer Geschichten, die, zum Teil von Eisner selbst mit Vorbemerkungen versehen, sowohl seine persönliche und künstlerische Entwicklungsgeschichte aufzeichnet, als auch die Geschichte seiner Eltern und anderer Familienangehörigen behandelt. Eisner glaubte fest an das damals noch junge Medium Comic und entwickelte es maßgeblich mit, er prophezeite sogar schon Ende der 1940er Jahre dem Bilderroman, der Graphic Novel eine große Zukunft. Eisners Zeichnungen mit seiner typischen Handschrift und sein erzählerischer Stil gehören für alle Zeiten zu den größten Comickunstwerken und haben allen Comickünstlern der Welt eine Menge zu sagen. Wie gut sie auch für jedermann und jederfrau lesbar sind und neben Lesegenuss noch zeitgeschichtliche Einblicke in das Amerika der späten 30er und der folgenden Jahre geben können, das ist mit dem vorliegenden Band leicht nach zu vollziehen. Ganz große Kunst!

- JPS

Lehmriese lebt!
Kuhl, Anke | Kuhl, Anke
90 Seiten, Reprodukt

Cover

Zwei Kinder spielen am Flussufer mit Lehm und bauen daraus einen großen, liegenden Lehmriesen. In der folgenden Nacht geschieht etwas Unerklärliches: als am Morgen ein Tautropfen den Lehmriesen benetzt, erwacht dieser plötzlich zum Leben und macht sich auf den Weg. Ein Förster will ihn fürs Bäume ausreißen erwärmen, ein Frisör versucht es mit ihm als Frisörlehrling, aber im Wasser lösen sich seine Lehmhände auf. Auch im Supermarkt ist der Golem nicht sonderlich erfolgreich, und der Förster zeigt unterdessen den Lehmmann bei der Polizei an. Kommissar Kopp übernimmt und findet den Golem schließlich auf dem Rathausdach. Als die Feuerwehr anrückt, und den Golem mit einem Wasserstrahl zum Abstieg bewegen will, gelingt es den Kindern endlich, sich Gehör zu verschaffen. Der Frisör hat unterdessen erklärt, was ein Golem ist, und dass der nur dem gehorcht, der ihn gebaut hat. So bitten die Kinder den Golem freundlich, herunter zu kommen und er tut das auch widerspruchslos. Ende der Geschichte: Golem und Kinder gehen zusammen spielen. Diese Neuinterpretation der Golemsage, der hier den Kindern dient, ist komplett im Comicformat gezeichnet. Die gebundene Hartcoverausgabe macht das Buch zu einem absolut hitverdächtigen Kinderzimmer-Klassiker, der bei älteren Kids auch die Auseinandersetzung mit der klassischen Vorlage fördert. Danke, Anke!!!  

- JPS

Liebe schaut weg
Hoven, Line | Hoven, Line
80 Seiten, Reprodukt

Cover

Wieder eine Studien-Abschlussarbeit! Diese bemerkenswerte Graphic Novel erzählt die deutsch-amerikanische Famiilengeschichte der Künstlerin über 3 Generationen.
Nicht nur die aufwendig in schwarzweiß geritzten Schabkarton-Bilder zeugen von Präzision und einer durchgeplanten Szenerie, auch die sorgfältigen Recherchen und die geschickt ineinander verflochtenen zeitgeschichtlichen Episoden aus den USA und Westdeutschland lassen ein intensives Familienportrait entstehen, welches an alte Fotoalben erinnert.
So wird der Betrachter hineingezogen in ein persönliches Universum, dem man sich nicht entziehen kann- und warum sollte man auch?!

- JPS

Luft und Liebe
SERIE Special Edition for Ladies

Hubert & Caillou, Marie | Hubert & Caillou, Marie
80 Seiten, Carlsen

Cover

Der dritte Band dieser ungewöhnlichen und mutigen Sonderedition für Frauen beim Carlsen Verlag stellt für mich das Highlight der Reihe dar.
Im vorliegenden Band trifft das Genre Graphic Novel auf einen Inhalt, der sich anders als zeichnerisch zum Teil gar nicht darstellen ließe. Autor und Illustratorin zeichnen das komplexe und anschauliche Bild der Magersucht bei einer Frau und! bei einem Mann. Die beiden androgynen Protagonisten nähern sich einander im Laufe der Geschichte als Seelenverwandte. Gekonnt gelingt es der Künstlerin, die beiden zeichnerisch trotzdem differenziert darzustellen. Auch inhaltlich gut recherchiert werden die psychologische Zusammenhänge und damit die Kernproblematik der Magersucht eindrucksvoll auf den Punkt gebracht. Der Wunsch nach absoluter Kontrolle über den eigenen Körper und der Stolz über die aufgebrachte Selbstdisziplin werden als funktionierendes System anschaulich ins Bild gesetzt. Nähe und Sexualität werden niemals aufdringlich aber immer latent vorhanden als Hintergrund-Störung thematisiert. Diese Graphic Novel ist eines der wenigen mir bekannten, aktuellen deutschsprachigen Büchern zum Thema Magersucht, das die Chance hätte, sein Publikum zu erreichen. Ohne anzuklagen sendet es eine deutliche Message, zeigt schonungslos die Folgen der Magersucht auf und kann dennoch als Einstieg zu Selbstreflexion oder Gesprächen zum Thema mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen beiderlei Geschlechts dienen. Trotz des beklemmenden Inhalts ein Buch, über das ich mich freue. Mehr davon!

- JPS

Maus I & II
Spiegelmann, Art | Spiegelmann, Art
300 Seiten, Fischer

Cover

Die erstmals 1989 erschienenen 2 Bände von Spiegelmanns „Maus“ geben den Startschuss für Graphic Novels in Deutschland. In diesem gleichermaßen verstörenden und zutiefst berührenden Buch über den Holocaust berichtet Spiegelmann von den Erzählungen seines Vaters Wladek, einem polnischen Juden. Im Gespräch tasten sich Vater und Sohn mühsam an die eigene Beziehung und an die grausige Geschichte des Vaters heran. Einzig die Verfremdung aller Darsteller als Tiere, so sind z.B. die Juden als Mäuse, die Nazis als Katzen dargestellt, schafft einen Abstand, um das unaussprechliche Leid zu ertragen. Spiegelmanns zeichnerische Genialität schafft mit diesem Kunstgriff ein gestalterisch und inhaltlich herausragendes Jahrhundert-Werk, welches den Naziterror dokumentiert und nebenbei mit dem Vorurteil aufräumt, in Comic-Manier Gezeichnetes müsste zwangsläufig lustig sein.

- JPS

Mister O
Trondheim, Lewis | Trondheim, Lewis
32 Seiten, Reprodukt

Cover

Die Geschichten von Mister O gehören nicht zwingend in die Kategorie Graphic Novel, aber ich finde das anspruchsvolle Comicwerk Trondheims im Allgemeinen und Mr. O im Besonderen in mehrerer Hinsicht erwähnenswert: Zum einen ist dieses Heft ein schlagender Beweis für die altersübergreifende Akzeptanz von Bildergeschichten: sowohl sehr junge Jungs als auch Erwachsene jeden Alters lachen sich schlapp über die ewig erfolglosen Versuche des Mr. O, einfach nur einen Abgrund zu über-winden. Zum anderen verwende ich in meinen Comic-Zeichenkursen die Figur des Mr. O als Beispiel für punktgenaue und absolut einfache Zeichensprache. Das Argument, jemand könne nicht zeichnen, lässt sich anhand dieser Comicfigur sehr schnell entkräften: Strichmännchen kann jeder! Und auch die von Jungen häufig gewünschten drastischen Lebensumstände lassen sich selbst mit solch einfachen Figuren hervorragend umsetzen. Natürlich besteht Trondheims Kunst neben der so gekonnt reduzierten Figur (es gibt inzwischen auch noch Mr. I), neben der Farbregie des Heftes und der Bild-Dramaturgie durch unterschiedliche Perspektiven und Bildausschnitte in der unglaublichen Variationsfähigkeit der immer gleichen Geschichte. Nie wird sie langweilig und immer wieder gibt es neue Gags. Trondheim hilft so bei der Überwindung der Schwellenängste bei jungen Zeichnern, unterhält dabei aufs Vortrefflichste und macht im Übrigen auch Lust auf andere seiner Figuren. Ein wichtiges Comic-Heft, für das ich sehr dankbar bin!

- JPS

Nenn mich Kai
Barczyk, Sarah | Barczyk, Sarah
80 Seiten, Egmont Graphic Novel

Cover

Andrea fühlt sich zeit ihres Lebens als Mann. „Nenn mich Kai“ erzählt in einigen streiflichtartigen Szenen ihr langsames Coming-out bei Familie und Freunden. Diese reagieren sehr unterschiedlich: während für ihren besten Freund Marko nichts Bemerkenswertes dabei ist, Andrea von nun an Kai zu nennen, bricht ihre Freundin Britta letztendlich den Kontakt zu ihr ab und ihre Eltern brauchen sehr lange, um sich an den Gedanken zu gewöhnen, einen Sohn und keine Tochter zu haben. Auch Aspekte von Psycho- und Hormontherapie werden in „Nenn mich Kai“ eingearbeitet.

Die nur 80 Seiten starke Graphic Novel spricht zahlreiche Problemfelder des Coming-outs einer Transsexuellen an: die Unentschlossenheit am Anfang, ob der eingeschlagene Prozess der richtige ist; die Angst vor der Reaktion der Freunde und der Familie; die mühevollen Therapien, die erforderlich sind. Dabei geht die Autorin jedoch nicht in die Tiefe, sondern stellt die genannten Themenbereiche kurz und prägnant dar.

Sarah Barczyk zeichnet dies alles in äußerst sparsamen Strichen nach und fängt dabei die vielfältigen Emotionen der handelnden Personen sehr gut ein.

Eine leicht verständliche Einführung in ein in der Kinder- und Jugendliteratur wenig behandeltes Thema.

- MD

Palatschinken
Sansone, Caterina | Tota, Alessandro
192 Seiten, Reprodukt

Cover

Palatschinken sind so lecker – und können Heimat sein. Caterina Sansone verbindet sie mit ihrer Kindheit und ihrer Mutter Elena. 1951 aus Fiume, dem heutigen Rijeka, mit Eltern und Schwester nach Italien exiliert, hat sie das Gericht in das neue Zuhause gerettet und ihrer Tochter damit schöne Kindheitserinnerungen beschert. 60 Jahre später spürt Caterina mit dem Illustrator Alessandro Tota die Fluchtgeschichte ihrer Familie auf. Die Recherche führt sie an die Schauplätze des Exils, u.a. zum ehemaligen Flüchtlingsheim in Palermo und in den Park der einstigen Barackensiedlung in Capodimonte.
In dem Comic verzahnen sich Rückblicke in die Vergangenheit und Gegenwartsszenen, die diese Recherchereise, mit Fakten angereichert, beschreiben. Dabei entwirft das Autorenpaar ein warmherziges Porträt der Familie und ein sympathisches, weil sehr menschliches Bild von sich selbst. Zum Beispiel, wenn Caterina versucht, mit dem Rauchen aufzuhören, und es ihr nicht wirklich gelingt. Sprache und Zeichnung sind kongenial: leicht, selbstironisch, witzig!
Die Geschichte zeichnet auch die politischen Verhältnisse Julisch-Dalmatiens und Italiens während und nach dem Zweiten Weltkrieg nach. Rund 250.000 Menschen wurden damals vertrieben, sie erlebten Schikane und Diskriminierung im eigenen Land. Wie so viele heute an anderen Orten der Welt auch. Umso erfreulicher ist das Vergnügen, das „Palatschinken“ bereitet. Es ist ein Buch, das nach Zuhause „duftet“, nach Kindheit „schmeckt“ und das man trotz der Thematik gerne mehr als einmal essen respektive lesen kann.

- KP

Paris
Vande Wiele, Maarten | Vande Wiele, Maarten
216 Seiten, Carlsen

Cover

Am Beginn dieser für Frauen konzipierten Reihe stehen drei Bände, einer davon „Paris“. Maarten Vande Wiele zeichnet in dieser Graphic Novel die Karrieren dreier Frauen nach, die bezeichnenderweise Hope, Faith und Chastity heißen: Hoffnung, Glaube und Keuschheit. Die drei treffen in Paris zusammen, jedoch führen ihre Lebensideale eher zu einer absurden Verzerrung ihrer Namen. Hope, nach einem Autounfall mit entstelltem Gesicht aber einem perfekten Körper, will in der Modestadt modeln.
Faith mit ihrer fantastischen Stimme muss jobben, um über die Runden zu kommen. Und Chastity, ein Societygirl mit aufwändigem Lebensstil, geht gleich anschaffen, um so einen reichen Mann zu finden, den sie heiraten kann. Alle drei Frauen halten verbissen fest an ihren Vorstellungen; schonungslos und glaubwürdig schildert Vande Wiele, (beim Szenario übrigens fachfrauisch beraten von Erika Raven!) die hohen Einsätze aller drei beim Kampf um Anerkennung, Erfolg und Geld. Vergewaltigung und sexuelle Nötigung, Drogen, Erpressung, körperliche und seelische Martyrien sind nur einige der Abgründe dieses Lebens.
Und es erwartet die Leserin auch kein happy end – aber damit kommt sie klar. Der Zeichenstil Vande Wieles orientiert sich am vermeintlichen Retro-Charme der 50er Jahre, doch wird mit dem Wechsel zwischen schwung-voller Linie und reduzierter Eckigkeit in drastischen schwarzweiß Kontrasten genau das Maß an Überzeichnung geschaffen, das zur Abstraktion notwendig ist..

- JPS

Penner
Burgholz, Christopher | Burgholz, Christopher
66 Seiten, Jaja Verlag

Cover

Das kleine Paperback-Büchlein erzählt die Geschichte von Walter, der als Obdachloser auf der Straße lebt und durch Pfandflaschensammeln ab und zu eine neue Flasche Schnaps kaufen kann. Allerdings hat er in letzter Zeit starke Bauchschmerzen, er merkt, dass das Leben auf der Straße zunehmend an seinen Kräften zerrt. Ein unspektakulärer Plot mit einer schier unsichtbaren Hauptfigur, erzählt in verhaltenen Violett- und Lila-Tönen von einem Leben am Rade der Gesellschaft: für alle sichtbar aber doch sehr weit weg.

Die von Christopher Burgholz gezeichnete Geschichte erinnert an Drucktechniken wie Holz – oder Linoldruck, die verschieden starken Linien geben den Bildern Ausdruck und Lebendigkeit.

„Penner“ hat, völlig zu Recht, den Gramic Award 2013 gewonnen. Toll dass der Jaja Verlag dieses Büchlein gedruckt hat.

- JPS

Persepolis
Eine Kindheit im Iran & Jugendjahre

Satrapi, Marjane | Satrapi, Marjane
347 Seiten, Süddeutsche Zeitung

Cover

Auch bei der Geschichte Satrapis geht es um Aufarbeitung ihrer Kindheit und Jugend. 1969 im Iran geboren und in Teheran aufgewachsen, erlebte sie die islamische Revolution mit und wurde als 14-Jährige von ihren Eltern nach Wien geschickt, um sie dort in Sicherheit zu bringen. Doch Satrapi kehrt nach Teheran zurück, bevor sie in Straßburg Kunst studiert und 1994 nach Paris geht. 2004 erscheinen die beiden Persepolis-Bände auch in Deutschland und erregen sofort positiv Aufsehen (Comic des Jahres 2004 Buchmesse Frankfurt). Satrapi zeichnet schwarz-weiß, von Spiegelmann inspiriert, dennoch in einem sehr eigenen Stil. Ihre klare und eingängige Bildsprache vermittelt gekonnt zwischen den grausamen, skurrilen und persönlichen Erfahrungen in ihrer Heimat und der Macht des Humors und der Subversion. Tolle Möglichkeit zum Arbeiten mit Comics mit Jugendlichen aller Ethnien!

- JPS

Plötzlich Funkstille
Courtault, Benjamin | Courtault, Benjamin
32 Seiten, Kunstanstifter

Cover

Die Schönheit des Hässlichen

In einer fantastisch-dystopischen Welt ist ein Mann auf der Suche nach seiner Bestimmung.

Ein Netzwerkausfall bringt den Großteil des Internets offline. Der Ich-Erzähler wird wie zahlreiche andere Mitarbeiter des Netzwerkbetreibers damit beauftragt, landesweit Antennen zu prüfen und Fehler zu beheben. Unterwegs verirrt er sich in einer Vielfalt verschiedener Einflüsse: er nimmt futuristische Drogen, entführt eine Palliativpatientin in die Berge, wird auf einer Ölplattform eingesperrt und dringt unbefugt in eine Villa am Hafen ein, wo er sich in einem unendlichen Gewächshaus selbst verliert.

Das experimentelle Design dieses Bilderbuches für Erwachsene hat die Jury mancher Preise überzeugt: Der German Design Award 2017 lobt den „emotionalen Farbrausch“, den der Autor erzeuge; die Stiftung Buchkunst zeichnet „Plötzlich Funkstille“ als eines der schönsten Bücher 2016 aus und führt in ihrer Begründung das handwerkliche Geschick des Autors an. Es wirke so, als stünden die Buchseiten selbst „unter Strom“.

Tatsächlich stellt der schmale Band herkömmliche Schönheitserwartungen an ein Bilderbuch auf den Kopf. Auf jeder Doppelseite werden drei teils leuchtende Sonderfarben miteinander kombiniert, wobei diese sowohl großflächig als auch kleingliedrig eingesetzt werden. Mit Fortgang der Handlung überwiegt dabei das Fragmentierte und unterstreicht so die Entwicklung des Protagonisten, der sich nach dem Netzausfall nun nicht mehr im Internet, sondern auch in der Realität verliert.

Die eigenwillige Schönheit des Werkes liegt also in diesem Wechselspiel zwischen Form und Inhalt, zwischen psychedelischer Farbgebung und dem Verlust von Realität und Individualität. Dabei wird besonders der Natur eine große Bedeutung eingeräumt: in einer Welt, in der sich alles um das Internet dreht, erscheint diese vernachlässigt und wildwüchsig. Umso härter schlägt sie aber zurück: sie ist die Ursache für den Netzwerkausfall und dafür, dass sich der Ich-Erzähler schlussendlich aus der Realität verabschiedet.

Ein interessanter, verstörender Band, der die Frage nach der Zukunft einer Welt stellt, die der Virtualität einen zu hohen Stellenwert beimisst.

- MD

Polina
übersetzt von Mireille Onon

Vivès, Bastien | Vivès, Bastien
208 Seiten, Reprodukt

Cover

Die Geschichte der großen Tänzerin Polina Semionowa wird hier von Bastien Vivès auf fantastische Weise nachgezeichnet. Die erst 1984 geborene Tänzerin wurde bereits mit 17 Jahren an der Berliner Staatsoper engagiert, nachdem sie die Ausbildung am Bolschoi Theater in Moskau mit Auszeichnung bestanden hatte.
Mit seinen Zeichnungen/ Lithografien die dreifarbig und mit schwungvollen Linien eine neue Ästhetik in die Graphic Novel bringen, gelingt es Vivès, sowohl die Bewegung der Tänzer einzufangen als auch deren Kraft und Anmut. So entsteht hier ein begeisterndes Plädoyer für den Tanz. Dabei werden weder die knallharte Anforderungen an die Disziplin bereits in der Kindheit der Tänzerin verschwiegen, noch der Ehrgeiz, der erforderlich ist, um ganz nach vorne zu kommen. Auch die Zweifel, welche der unterschiedlichen Lehren und der Lehrerpersönlichkeiten für die einzelnen Tänzer die richtigen sind, werden mit starken Bildern und knappen Texten begleitet. Künstlerisch und inhaltlich herausragend!

- JPS

Pünktchen und Anton als Comic
Kästner, Erich | Kreitz, Isabel
100 Seiten, Dressler

Cover

Dieses, wie auch "Der 35.Mai" leisten etwas Besonderes: sie verführen Kinder zum Lesen von Kinderbuch-Klassikern! Dabei schafft es Kreitz, den Stil Walter Triers fortzuzeichnen, der damals die bekannten Titelillustrationen für Kästners Bücher geschaffen hat. Kreitz entwickelt ihre eigene Bildregie mit genialen Lösungen auf zeichnerischer Ebene und bleibt dabei textnah am Kästnerschen Witz. So erschließen sich auch heutigen Kindern die inhaltlichen und sprachlichen Besonderheiten dieser beiden Werke Kästners und machen garantiert Lust auf mehr…

- JPS

Richtung
Mathieu, Marc-Antoine | Mathieu, Marc-Antoine
256 Seiten, Reprodukt

Cover

Die Suche nach dem Sinn menschlicher Existenz führt ins Absurde. Das Leben mündet in den Tod. Und doch geben wir, Blinde der eigenen Wahrnehmung, vor, selbst unser Leben zu bestimmen und Sinn in unseren Handlungen und Zielen zu erkennen. Marc-Antoine Mathieus neueste Graphic Novel, betitelt mit "Richtung", in Wahrheit aber namenlos, ist eine zeitgenössische Interpretation Albert Camus' "Der Mythos von Sisyphos".

2014 als Originalausgabe in französischer Sprache erschienen, wurde das Werk nun 2015 ins Deutsche übersetzt. Der Leser begleitet den Protagonisten, einen Mann mit Mantel, Aktenkoffer und Fedora-Hut, auf dem Weg unzusammenhängender Ereignisse, um am Ende festzustellen: Nun, das sollte man nach der Lektüre selber wissen!

Die Erzählung kommt gänzlich ohne Worte aus - bis auf wenige Chiffre, mit denen der Autor, gleich einem Zauberer, seine Enthüllungsspielchen treibt.

Mathieu zieht den Leser mit den Mitteln einer äußerst reduzierten Schwarzweißgrafik und der filmischen Erzählweise in den Bann. Zum einen sind dies Perspektivenwechsel und unterschiedliche Tempi, Spannungsbögen und Überraschungseffekte, zum anderen die detailgenaue, logische Wiedergabe von Bildfolgen und die Repetition der zentralen Motive: Pfeil, Schatten, Fels. Spätestens zur Hälfte des Buchs ist das Prinzip des irrationalen Handlungsverlaufs aber durchschaut. Die Wiederholung, die letztlich dem Wesen der Erzählung geschuldet ist,

beginnt zu langweilen. Wäre da nicht das Memento mori in Form des sezierten Heldenkopfs. Wie Brancusis "Schlafende" ist er zur Seite geneigt. Das Auge des Mannes, bisher für den Leser unsichtbar geblieben,

ist geschlossen, das Innere des Kopfes durch den Schnitt freigestellt: nichts als ein poröser, mit unzähligen Pfeilen durchsetzter Stein.

Wuchtig in seiner Sprache ist das Werk und inhaltlich auf mehreren Zitatebenen zu entdecken. Im Unterricht kann "Richtung" Jugendlichen der Schlüssel zum Existentialismus sein. Wem das intellektuell zu hoch gegriffen ist: Mathieus jüngste Erzählung überzeugt, weil sie subtil komisch ist. Und bei Kindern weckt "Richtung" die Neugierde, weil sie darin ein spannendes Bilderrätsel lesen.

- KP

Sally Jones
Eine Weltreise in Bildern

Wegelius, Jakob
132 Seiten, Gerstenberg

Cover

Sally Jones ist der Name eines weiblichen Gorillas, der als Kind aus dem afrikanischen Regenwald entführt und später, als menschliches Baby getarnt, unter diesem Namen nach Istanbul gebracht wurde. Dort kauft eine räuberische Lady das gelehrige Gorillamädchen und erzieht es liebevoll, aber zu einer Trickdiebin. Nach ihrer Verhaftung und Flucht aus einem Zoo landet Sally Jones beim Zauberer eines Wanderzirkus. Dieser bringt ihr, neben anderen zivilisatorischen Überlebenstechniken, das Lesen bei. Aber auch hier kann sie nicht bleiben, geplagt von ihrer Sehnsucht nach dem heimatlichen Dschungel und der schlechten Behandlung durch ihren Besitzer gelangt sie als blinder Passagier auf ein Schiff. Die Schiffs-Weltreise führt Sally Jones, die sich inzwischen mit ihrem Namen identifiziert, nach Borneo, Singapur und New York; durch Henry Koskela, den „Chief“, lernt Sally Jones endlich Vertrauen und wahre Freundschaft kennen. Der finnische Seemann lernt Sally als Maschinistin an, hier entwickelt sie ihr handwerkliches Talent weiter und hat zum ersten Mal Freude an ihrer Arbeit.

In dieser sowohl bezaubernd geschriebenen als auch wunderbar altmodisch illustrierten Geschichte hat Jakob Wegelius mit Sally Jones eine hinreißende Romanfigur geschaffen. Große Themen wie Freundschaft, Sehnsucht, Treue und menschliche Gier werden in diesem fantastischen Abenteuerroman vortrefflich beleuchtet. Der wunderbar nostalgische Charme der Illustrationen, der konsequent auch im Seitenlayout, in den Bildeinfassungen und auch in der typographischen Gestaltung fortgeführt wird, macht dieses Buch zu einem in jeder Hinsicht herausragenden Lesegenuss. Für Kinder ab 11 Jahren und deren Eltern!

- JPS

Sally Jones
Mord ohne Leiche

Wegelius, Jakob
620 Seiten, Gerstenberg

Cover

Die Fans von Sally Jones, zu denen auch ich mich zählen darf, haben schon sehnsüchtig auf die Fortsetzung der Geschichte gewartet: wie ging es mit der geschickten Gorilladame und ihrem Freund, dem Chief, denn nun weiter? Jakob Wegelius nimmt den Leser erneut mit auf eine Abenteuerreise voll nostalgischem Charme, diesmal von Sally Jones selbst erzählt. Die geschickte und äußerst lernfähige Maschinistin kann inzwischen Schreibmaschine schreiben, und schreibt ihre Erlebnisse selber auf. Da sie nicht sprechen kann, sie ist trotz allem ein Gorilla, ist das Schreiben eine ideale Möglichkeit, in der Rückschau die Erlebnisse zu verarbeiten, die ihr immer noch Alpträume bereiten.

Der vorliegende Krimi ist superspannend, aber nie blutrünstig. Trotzdem mit Sally Jones eine hochbegabte Gorilladame die Hauptrolle spielt, wirken auch die anderen Charaktere nie unglaubwürdig oder platt. Im Gegenteil: die ganz „normalen“ Umstände des Lebens wirken hier: Berechnung, Verrat, Missgunst, Gier, einfach Pech - aber auch Herzlichkeit, Mitgefühl und Ausdauer...

Gerade das ist es, was diesen „Wälzer“ lesenswert macht. Eingeführt mit einer gezeichneten Galerie der wichtigsten vorkommenden Personen können sich die Leser sprichwörtlich ein Bild von den Charakteren machen. Zusammen mit den Illustrationen, die jedes Kapitel einleiten, gelingt es Jakob Wegelius auch mit diesem Sally-Jones-Band, einen üppigen Augen- und Geschichtenschmaus anzurichten, der nach gemütlichen Schmökerstunden in kuscheligem Ambiente duftet. Ganz egal, wie dick der nächste Band wird, und wann er erscheint - er wird bestimmt von Jungen und Mädchen ab 11 Jahren begeistert verschlungen werden.

- JPS

Shenzhen
Delisle, Guy | Delisle, Guy
160 Seiten, Süddeutsche Zeitung

Cover

Der kanadische Zeichner Guy Delisle lebt Ende der 1990er Jahre für drei Monate in der chinesischen Wirtschaftsmetropole Shenzhen, um dort eine Trickfilm-Produktion zu überwachen. Er notierte seine Eindrücke in Form von Zeichnungen (überwiegend Bleistift) und verarbeitete alles am Ende zu dem vorliegenden Buch. Die Skizzen von Menschen, Begegnungen, Hotelzimmern und Straßenzügen strahlen eine geradezu absurde Unmittelbarkeit aus, das Lachen bleibt einem ab und zu im Halse stecken. Als positiv- unkritische Reiselektüre für China-Besucher nicht geeignet, als Animation fürs eigene Zeichnen auf Reisen umso mehr! (3 Bleistifte & 1 Fineliner genügen!) Viel Spaß!

- JPS

Sprechende Hände
Die Geschichte von Helen Keller

Lambert, Joseph
88 Seiten, Egmont Graphic Novel

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Helen Keller, wer kennt es nicht, dieses Wunderkind, dass mit etwa 1 ½ Jahren blind und taub wurde und die es letztlich trotzdem schaffte, Lesen und Schreiben zu lernen und sogar Fremdsprachen beherrschte. Sehr behütet und wenig gefordert durch ihre Eltern, in Dunkelheit und Stille aufgewachsen, trifft sie mit beinahe sieben Jahren auf ihre künftige Lehrerin Anni Sullivan. Die junge Frau, die selber erfahren hat, was es heißt sehbehindert zu sein, hat zunächst damit zu kämpfen, einen Zugang zu dem jungen Mädchen zu finden. Nachdem der Bann gebrochen ist, entwickelt Helen einen unbändigen Willen ständig neue Worte zu lernen und ihre Bedeutung zu verstehen. Das Perkins-Blindeninstitut, welches Anni zu den Kellers geschickt hat will an dem Erfolg partizipieren und vermarktet die Fortschritte gegen den Rat von Anni öffentlich. Alle Welt spricht bald von dem „Wunderkind“. Es kommt zu einem Eklat, als der Eindruck entsteht, Helen habe mit einer angeblich selbst geschriebenen Geschichte ein Plagiat begangen und Anni habe sie dazu animiert.

Mit wunderbaren Zeichnungen, die eindringlich aufzeigen, wie Helen sich und die Umwelt wahrnimmt, wird erfahrbar, wie die Entwicklung des Mädchens vorangeht. Zu den Zeichnungen werden in Schreibschrift Passagen aus den echten Aufzeichnungen und Briefen von Anni Sullivan eingefügt. Dadurch und weil auch die Herkunftsgeschichte von Anni immer wieder einfließt, wird letztlich klar, dass die tausendfach erzählte Geschichte von dem „Wunderkind“ Helen Keller ohne die Geschichte von Anni Sullivan nicht zu erzählen ist. Es ist die Geschichte beider Frauen und sollte auch als solche gewürdigt werden. Schon allein für diese Erkenntnis lohnt es sich, sich den Sprechenden Händen zu widmen. Unbedingt lesen!

- KW

Stadt aus Glas
übersetzt von Heike Drescher und Paul Scholz

Auster, Paul & Karasik, Paul | Mazzucchelli, David
129 Seiten, Reprodukt

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Bei dem vorliegenden Buch, das übrigens u.A. von Art Spiegelman mit herausgegeben wurde, handelt es sich wieder um die Umsetzung einer literarischen Vorlage als Graphic Novel. Austers Texte werden häufig in der Sek. 2 deutscher Gymnasien im Schulunterricht thematisiert; hier wäre die Arbeit mit einer Graphic Novel bestimmt eine willkommene Abwechselung. Zumal, wenn Dank Mazzucchelli solch eine hervorragende Arbeit vorliegt, die auf besondere Weise den Zugang zu Austers Werk möglich macht. Auf grafischer und literarischer Ebene sehr anregend!

- JPS

Stiche
Erinnerungen

Small, David | Small, David
328 Seiten, Carlsen

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Der Zeichner und Autor David Small berichtet in Rückblenden von seiner Kindheit und Jugend mit einer wortkargen und despotischen Mutter und einem autoritären Vater, der Radiologe ist. Sein Bruder Ted und David selbst versuchen jeder auf seine Art mit der ständigen Spannung im elterlichen Haushalt umzugehen, Ted spielt Schlagzeug und reagiert sich so ab, der kränkliche David liest und zeichnet ununterbrochen. Als bei David am Hals eine Verdickung sichtbar wird, passiert lange nichts. Erst Jahre nachdem eine erste Diagnose gestellt war, wird David operiert und eine Krebsgeschwulst entfernt, allerdings ohne dem Jungen zu sagen, woran er erkrank ist. Zu allem Überfluss kann David nun auch zunächst nicht mehr sprechen. Seine Situation wird immer auswegloser, als seine Eltern ihn auch noch weit entfernt auf eine Schule schicken, die versucht, ihm seine Fantasie und seine künstlerische Neigung auszutreiben. Nach mehreren Fluchtversuchen dort  bekommt er nun endlich psychiatrische Hilfe und kann ein selbst bestimmtes Leben an einer Kunstakademie beginnen. Diese Geschichte über eine schwierige Kindheit und Jugend und über die Entschlossenheit, sich davon nicht unterkriegen zu lassen ist nicht nur meisterhaft gezeichnet und spannend inszeniert sondern ist auch ein geeignetes Anschauungsmaterial für Jugendliche auf dem Weg ins erwachsene Leben.

- JPS

Such Dir was aus, aber beeil dich
Kindsein in 10 Kapiteln

Budde, Nadia | Budde, Nadia
192 Seiten, Fischer Taschenbuch

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Nadia Budde hat den (gereimten) Sprachwitz und die gezeichnete Schrägheit zurückgebracht in die deutschsprachige Kinder- und Jugendliteratur. Schon dafür gebühren ihr Ruhm und Ehre!
Seit „Eins Zwei Drei Tier“, das noch während ihres Studiums entstand, und wofür sie gleich den Deutschen Jugendliteraturpreis (2000) erhielt, veröffentlicht Budde gegen den Strich gezeichnete Figuren voller Charme und unangepasster Hässlichkeit.
Das vorliegende Buch zum Thema Kindheit funktioniert altersübergreifend, und erhielt 2010 den DJLP in der Sparte Jugendbuch.
Ich ordne es bei den Graphic Novels ein, weil es in vielfacher Hinsicht geeignet ist, auch (jungen) Erwachsenen den Blick auf dieses Medium erfrischend zu erhellen.
Obwohl inhaltlich mit der Kindheit in der DDR befasst, empfehle ich es allen, die sich mit Kindheit beschäftigen wollen.

- JPS

The Graphic Canon
Weltliteratur als Graphic Novel

Kick, Russ (Hrsg.)
504 Seiten, Galiani

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Dieses mächtige, 3-bändige Werk in Deutschland zu veröffentlichen hat dankenswerterweise der Galiani-Verlag in Berlin in Angriff genommen. Der 500 Seiten starke Band 1 ist im November 2013 erschienen. Atemlos liest und schaut man sich durch die Weltliteratur, die allein im ersten Band von rund 60 international anerkannten ZeichnerInnen genial in Bildergeschichten umgesetzt worden ist. Beginnend mit dem Gilgamesch-Epos wurde und wird alles literarisch und mythologisch Bedeutsame von ZeichnerInnen als Vorlage für eigene Interpretationen der klassischen Literatur aufgegriffen. Mit zunehmender Popularität des Mediums Graphic Novel gibt es zu den klassischen Themen nicht nur die Bearbeitungen alter europäischer Stoffe sondern auch Graphic Novels zu Mythologien aus Asien, Vorderasien, Indien, Nord- und Südamerika. Der unglaubliche Reichtum an visualisierter Mythologie und Literaturgeschichte  sollte Deutsch- und PhilosophielehrerInnen in Begeisterung versetzen können:

Nie wie der mit einer reinen Textversion der Ilias vor eine Klasse treten müssen! Shakespeares Stücke und Sonette in einer grafischen Interpretation betrachten können- all das sind ungeahnte Möglichkeiten und Chancen.

Seit Jahren verbreite ich auf Lehrerfortbildungen meine Liebe zu Graphic Novels und Comics und meinen Glauben an dieses Medium als Türöffner zur Literatur. Nun hat mir der Galiani-Verlag ein gut recherchiertes und mit zahlreichen Zusatzinformationen angereichertes Buch an die Hand gegeben, welches zwangsläufig neue Maßstäbe setzten wird. Ich warte gespannt auf den zweiten Band und danke allen Beteiligten für ihre akribische und liebevolle Arbeit!

- JPS

Thelonius große Reise
Das Geheimnis des Nebelbergs

Schade, Susan | Buller, Jon
224 Seiten, Knesebeck

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Die vorliegende Graphic Novel ist ungewöhnlich: zum einen richtet sie sich bereits an Kinder ab ca. 10 Jahren, zum anderen wechselt die Erzählung Kapitelweise zwischen rein in Bildfolgen erzählten Teilen und Text-Kapiteln, die allerdings reich illustriert sind. Der nostalgisch anmutende Illustrationsstil, der sich farblich auf schwarz, weiß und blau beschränkt, ist äußerst liebevoll und detailreich; die Einschränkung in den Farben wird als wohltuend empfunden. Sprechende Tiere sind die Protagonisten. Die Erde nach einer großen Katastrophe ist nur (noch) von Tieren bewohnt, ob es Menschen je gegeben hat, gehört in den Bereich der Legende. Trotz dieses düsteren Settings erzählt das Buch positiv von Neugier und Abenteuern und von der Freundschaft der Tiere, die trotz ihrer unterschiedlichen Lebensweisen mit einander sprechen und zusammen halten. Auf die nächsten beiden Bände darf man gespannt sein!

- JPS

Vasmers Bruder
Meter, Peer | von Bassewitz, David
176 Seiten, Carlsen

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Nach „Haarmann“ (2010) und „Gift“ (2010) legt Peer Meter mit „Vasmers Bruder“ den dritten Teil seiner Trilogie über deutsche Serienmörder vor.

Martin Vasmer reist seinem Bruder Hans-Georg nach Ziębice (Polen) nach. Dieser ist auf der Suche nach Informationen über den Kannibalen Karl Denke verschwunden, der von 1903 bis 1924 im damals noch deutschsprachigen Münsterberg insgesamt mindestens 30 Personen ermordete. Mit zwei Rahmenhandlungen versehen entwickelt sich nun ein Verwirrspiel zwischen Fiktion und Wirklichkeit, in dessen Verlauf sich der Leser immer wieder neu fragen muss, ob er seinen eigenen Wahrnehmungen trauen darf.

Verstärkt wird diese Verunsicherung durch eine alptraumhafte Atmosphäre, welche die verwischten, teils konturlosen Bleistiftzeichnungen des Illustrators David von Bassewitz hervorrufen.

Eine verstörende, stellenweise schwer zu entschlüsselnde Graphic Novel zu einer Thematik, die den Leser auch nach der Lektüre noch verfolgen wird.

- MD

War and dreams
übersetzt von Resel Rebiersch

Charles, Maryse | Charles, Jean-Françoise
192 Seiten, Splitter

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Vier ehemalige Soldaten erinnern sich an die Zeit im zweiten Weltkrieg, die sie an die französische Opalküste verschlagen hatte. Hier, auf der französischen Seite des Ärmelkanals, hätten sie sich möglicherweise treffen können: der Franzose Julien, der Amerikaner Joe, der Engländer Archie und der Deutsche Erwin. Sie alle waren hier als Soldaten stationiert,  jung und durchaus voller Träume. Doch die grausame Realität zerstörte sämtliche Träume; in Schlachten sterben neben ihnen ihre Freunde, sie selber bringen feindliche Soldaten um, sie leiden an Hunger, Durst, Kälte und Krankheiten. Auch wenn sie vielleicht mit Enthusiasmus gestartet waren, die Wirklichkeit dieses Krieges holt sie alle ein. Die Schicksale der vier Männer werden aus der Jetztzeit aufgerollt- alle kehren noch einmal dort hin zurück, wo sie ihre prägendsten Erlebnisse hatten. Sie begeben sich auf die Suche nach Orten, nach Bildern ihrer Erinnerung, nach ehemaligen Geliebten. Die dichte und absolut gekonnte  künstlerische Bearbeitung des Stoffes, auch und gerade mit diesen privaten Aspekten, macht das Buch zu etwas Besonderem: so lässt sich nachvollziehen, was ein Krieg mit Menschen macht. Als Zugabe eine toll gemachte  Zeitungsbeilage, fantastische Möglichkeiten zur Weiterarbeit mit Jugendlichen in der Schule. Beispielhaft!

- JPS

Wave and smile
Jysch, Arne | Jysch, Arne
200 Seiten, Carlsen

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Mit dieser Graphic Novel gelingt Arne Jysch ein sowohl künstlerisch als auch inhaltlich bemerkenswertes Dokument zum Afghanistan Einsatz der Bundeswehr. Besonders die Situation im ISAF Camp in einem völlig fremden Land ist authentisch und nachvollziehbar gezeichnet. Der Protagonist schlägt sich, auch das scheint mir realistisch, nach seiner Rückkehr aus Afghanistan mit posttraumatischen Störungen herum, seine Ehe ist im Eimer und ihn treibt nur noch der Gedanke an, einen seiner Kameraden in  Afghanistan wieder zu finden, der bei einem Einsatz von Taliban entführt wurde. Daher macht er sich als Zivilist erneut auf in das Land- ab hier leidet die Glaubwürdigkeit der Geschichte. Angetrieben von seinem Kameradschaftsgefühl, begibt sich der Held in größte Gefahr, verhandelt mit Taliban und Amerikanern und schafft letztendlich das Unmögliche. Jysch zeigt in seiner Version eines „kleinen Einblicks“ in den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr, wie vielschichtig die Probleme, wie umfangreich die Folgen einer Kriegsbeteiligung sein können. Heute, drei Jahre nach dem Erscheinen des Buches, wissen wir leider noch mehr darüber... dennoch ein wichtiges und  anschauliches Buch zum Thema!

- JPS

Wie ein leeres Blatt
Boulet | Bagieu, Pénélope
201 Seiten, Carlsen

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Wie heiße ich noch mal? Und wie war noch gleich die Adresse? Vielleicht hilft das, was sich alles so in der Handtasche befindet, irgendwie weiter. Ach, ich arbeite also in einer Buchhandlung. Mit welchen Kollegen habe ich mich bloß gut verstanden? – Eloïse weiß plötzlich auf all diese Fragen keine Antworten mehr. Sie überlegt, stellt Vermutungen an. Aber ihr zurückliegendes Leben ist über Nacht nicht mehr in Erinnerungen gespeichert – Festplatte im Kopf gelöscht. Irritiert und besorgt begleiten wir Eloïse auf der Suche nach Puzzlestücken aus ihrem Leben. Mit sehr viel Fantasie malt sich Eloïse aus, wie alles gewesen sein könnte. Aber nichts fühlt sich vertraut an. Weiterforschen. Wieder nichts.

Und dann die grandiose Erkenntnis: aufhören, verzweifelt die Eloïse aus der Vergangenheit wieder zusammenzusetzen! Neustart. Ein neues, leeres Blatt beschreiben. Am Ende des Buches hat man selbst Lust, genau das auch zu tun. Altes loslassen, mutig sein und Platz machen für Neues. Es muss ja nicht gleich das ganze Leben sein, aber vielleicht eine Facette. Eloïse beflügelt. Und die Zeichnerin Pénélope Bagieu besticht.

- CK

Wilhelm Busch und die Folgen
u.a. von König, Ralf | u.a. von König, Ralf
144 Seiten, Egmont

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Anlässlich des 175. Geburtstags von Wilhelm Busch erschien dieses Buch, was wohl in erster Linie für Menschen verfasst worden ist, die an Bildergeschichten und besonders am Comic interessiert sind. Denn Buschs Urvaterschaft wird hier von neun unterschiedlichen Zeichnerinnen und Zeichnern aufs trefflichste klargestellt und fortgezeichnet. Ob gereimt, ungereimt oder ohne Worte, ob Manga oder Minimal Art: hier wird in Buschs Sinne Moral kritisch hinterfragt, Streiche ersonnen und durchgeführt und es wird keineswegs am Ende alles gut. Nicht selten ertappt sich der Betrachter bei Schadenfreude - auch so ein menschliches Phänomen. Wilhelm Busch und die Folgen ist eine thematische Einführung ins Genre des Comics und bietet allerlei Ansatzpunkte für Lektüre mit älteren Kindern und Jugendlichen.

- JPS

Wir können ja Freunde bleiben
Mawil (Markus Witzel) | Mawil (Markus Witzel)
64 Seiten, Reprodukt

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Das vorliegende Heft war die Abschlussarbeit des Zeichners Markus Witzel alias Mawil, mit der er sehr gefeiert wurde: eine gelungene autobiographische Reflexion seiner Kindheit und Jugend in der DDR, mit den typischen Adoleszenzproblemen von erster Liebe und Zurückweisung.
Mawils lakonische Sprache und die Stimmungslage aus Peinlichkeiten, mangelndem und überbordenden Selbstbewusstsein und ein paar der für das Alter üblichen Grenzerfahrungen ergeben ein zartes aber eindrückliches Bild dieser speziellen Generation.

- JPS

Zahra's Paradise
Die Grüne Revolution im Iran und die Suche einer Mutter nach ihrem Sohn

Amir | Khalil
272 Seiten, Knesebeck

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Nach den Präsidentschaftswahlen im Juni 2009 kam es im Iran zu heftigen Protesten, bei denen bereits in den ersten Tagen zahlreiche Demonstranten getötet und Tausende verhaftet und gefoltert wurden- von vielen fehlt bis heute jede Spur. Dieses Buch begann als Blog auf www.zahrasparadis.com. Jetzt gerade, Mitte September 2011, auf Deutsch als beeindruckende Graphic Novel im Knesebeck-Verlag erschienen, wird die Geschichte einer Frau erzählt, die gemeinsam mit ihrem älteren Sohn nach dem jüngeren Sohn Mehdi sucht. Der Vermisste war unterwegs zu den Protesten gegen die offensichtliche Wahlfälschung, als er das letzte Mal gesehen wurde. Mutter und Bruder machen sich auf und suchen in Krankenhäusern, Gefängnissen und direkt bei er Gerichtsmedizin nach Mehdi, müssen aber überall erleben, dass ihnen weder Auskünfte gegeben werden, noch dass eine offizielle Stelle sie überhaupt anhören will. Mit fotokopierten Flugblättern (das allein ist schon illegal) mit Mehdis Foto werden Studenten und Freunde befragt, Mehdis Bruder begibt sich mehr als einmal in große Gefahr um etwas über den Verbleib seines Bruders zu erfahren. Am Ende bleibt nur die traurige Gewissheit, dass das menschenverachtende Regime neben vielen tausend Anderen auch Mehdi auf dem Gewissen hat. So sind die letzten 15 (!) Buchseiten gefüllt mit der Aufzählung von 16901 Namen von Iranerinnen und Iranern, gedruckt in mikroskopisch kleiner Schrift, die seit der Gründung der „Islamischen Republik“ Iran 1979 bis Ende 2009 hingerichtet wurden, oder an den Folgen von Folter und Gefängnis starben.
Ein erschütterndes Buch. Sowohl sprachlich als auch zeichnerisch von hoher Virtuosität und mit großem Können scheinbar von leichter Hand geschaffen, entwickelt Zahra´s Paradise seine enorme Eindringlichkeit.
So bekommt eine (Jugend-)Bewegung Gesicht und Ausdruck, die sonst beinahe hinter der düsteren Fassade des íranischen Regimes zu verschwinden drohte. Amir und Khalil (Pseudonyme) mussten inzwischen das Land verlassen...

- JPS

Weitere Titel und Rezensionen folgen!

NvM= Nikola von Merveldt
KE= Katja Eder
VK= Vera Kahl
KW= Karina Wrona
KS= Katrin Seewald
KP= Katja Pfeiffer
SB= Sylvia Bogdain
SW= Sarah Wildeisen
JPS= Jule Pfeiffer-Spiekermann
MD= Martin Deutsch